Analyse
14:32 Uhr, 15.09.2026

Milliarden für Chips, KI, Pharma und Energie: Deutschlands neue Industrieoffensive

Deutschland investiert in die Technologien von morgen, Deutschland will zurück an die technologische Weltspitze, Deutschland baut die Infrastruktur für das nächste Wirtschaftszeitalter, Deutschlands Industrie erfindet sich gerade neu.

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ESMC und Taiwan Semiconductor (TSMC) in Dresden, Europas vielleicht wichtigstes Chipprojekt

TSMC bringt sein Foundry-Modell erstmals im großen industriellen Maßstab nach Europa. Hinter ESMC stehen TSMC mit 70% sowie Bosch, Infineon und NXP mit jeweils 10%. Die Gesamtinvestition liegt bei rund 10 Mrd. €, Deutschland steuert bis zu 5 Mrd. € Förderung bei. Gerade jetzt ist das Projekt hochaktuell. Im September hat der Rohbau das Richtfest erreicht. Der Einbau der Produktionsanlagen soll 2027 beginnen, die Fertigung anschließend anlaufen.

Technologisch geht es um 300 Millimeter-Wafer und zunächst 28 und 22 Nanometer CMOS sowie 16 und 12 Nanometer FinFET. Das klingt gegenüber 2 Nanometer Prozessoren von Nvidia oder Apple zunächst wenig spektakulär. Für Autos, Industrieanlagen, Mikrocontroller, Leistungselektronik, eingebettete Speicher und viele Hochfrequenz-Anwendungen sind genau diese Nodes aber extrem wichtig. Moderne Autos benötigen Hunderte bis Tausende solcher Chips. Die geplante Kapazität beträgt rund 480.000 Wafer im Jahr, etwa 2.000 direkte Hightech Arbeitsplätze sollen entstehen.

Das strategisch Entscheidende ist das Geschäftsmodell. Die Anlage produziert nicht ausschließlich für Bosch, Infineon und NXP, sondern wird als offene Foundry betrieben. Andere europäische Unternehmen können also ebenfalls Fertigungskapazitäten einkaufen. Europa bekommt damit etwas, was ihm bislang weitgehend fehlt: Eine große, technologisch moderne Auftragsfertigung unter Führung des weltweiten Foundry-Marktführers.

Die Grenze der Souveränität sollte man trotzdem klar sehen. TSMC bleibt ein taiwanisches Unternehmen und stellt wesentliches Technologie- und Fertigungswissen bereit. Europa wird dadurch weniger abhängig von asiatischer Produktion, aber nicht automatisch technologisch vollständig unabhängig. Trotzdem ist Dresden vermutlich eines der strategisch wertvollsten Industrieprojekte, die Deutschland derzeit besitzt.

Infineon Smart Power Fab Dresden, die unscheinbaren Chips hinter KI, Stromnetzen und Autos

Infineon hat im Juli seine neue Smart Power Fab eröffnet. 5 Mrd. € Investition, rund 1 Mrd. € Förderung für den Standort und 1.000 zusätzliche direkte Arbeitsplätze. Infineon bezeichnet sie als weltweit größte Fabrik für Leistungshalbleiter und Analog sowie Mixed Signal Technologien. Die Dresdner Produktionskapazität des Konzerns wird damit ungefähr verdoppelt.

Der interessante Teil steckt in den Produkten. Leistungshalbleiter sind die elektronischen Schalter, die elektrische Energie steuern und umwandeln. Sie sitzen in Elektroautos, Solaranlagen, Windkraftanlagen, Ladegeräten, Wechselrichtern, industriellen Antrieben und Stromnetzen. Mit dem KI-Boom kommt ein riesiges neues Einsatzgebiet hinzu: Ein Rechenzentrum benötigt nicht nur GPUs. Die elektrische Leistung muss vom Netz bis zum einzelnen Chip mehrfach transformiert, geregelt und verteilt werden. Je effizienter diese Leistungselektronik arbeitet, desto weniger Strom wird als Wärme verloren.

Deshalb ist die Fabrik indirekt auch ein KI-Infrastrukturprojekt. Nvidia verkauft die Rechenchips, aber Infineon verdient an einem anderen Engpass der KI-Welt, nämlich der Energieversorgung dieser Chips. Infineon kann den Hochlauf der neuen Fabrik nach eigenen Angaben zudem deutlich beschleunigen, wenn die Nachfrage entsprechend steigt.

Zusammen mit ESMC und GlobalFoundries entsteht damit in Dresden ein ungewöhnlich kompletter Halbleitercluster. Während ESMC als Foundry produziert, besitzt Infineon eigene Produkte, eigenes Chipdesign und eigene Fertigung. Strategisch ist Infineon deshalb sogar ein stärker europäisch kontrollierter Baustein der Halbleitersouveränität.

AWS European Sovereign Cloud Brandenburg, Europas Antwort auf das Cloud Dilemma

AWS hat im Januar seine European Sovereign Cloud gestartet. Die erste Region sitzt in Brandenburg. Amazon plant dafür langfristig mehr als 7,8 Mrd. € Investitionen in Deutschland. Wichtig ist die zeitliche Einordnung: Die 7,8 Mrd. € sind ein langfristiges Programm bis 2040, keine einmalige Investition in ein einzelnes Gebäude. AWS rechnet damit, dadurch im Durchschnitt mehr als 2.800 Vollzeitäquivalente pro Jahr zu unterstützen.

Das Besondere ist die Architektur. Diese Cloud ist physisch und logisch von den normalen AWS Regionen getrennt. Daten und Metadaten können vollständig innerhalb der EU gehalten werden. Betrieb und Support sollen durch in der EU ansässiges Personal erfolgen. Dazu kommen eine eigenständige europäische Governance und ein eigenes Security Operations Center. Inzwischen stehen mehr als 90 AWS-Dienste und zunehmend auch KI-Angebote zur Verfügung. Kunden reichen von Behörden und Gesundheitsorganisationen bis zu Unternehmen wie der SCHUFA.

Das Projekt trifft einen Nerv: Europas Unternehmen wollen AWS Technologie nutzen, gleichzeitig verlangen Banken, Versicherer, Behörden, Verteidigung, Gesundheitswesen und kritische Infrastruktur immer häufiger Datenresidenz und operative Kontrolle innerhalb Europas.

Aber auch hier ist der Begriff Souveränität relativ. AWS bleibt Eigentum eines amerikanischen Konzerns. Europa gewinnt also operative, rechtliche und infrastrukturelle Souveränität, besitzt aber nicht den zugrunde liegenden Hyperscaler. Genau diese Differenz ist in der aktuellen europäischen Souveränitätsdebatte zentral.

Google Dietzenbach und Hanau, Rhein Main wird zur europäischen KI-Infrastrukturregion

Google investiert zwischen 2026 und 2029 insgesamt 5,5 Mrd. € in Deutschland. Das Geld fließt nicht ausschließlich in Rechenzentren, sondern auch in Büros, Energiepartnerschaften und weitere Infrastruktur. Der Schwerpunkt liegt aber klar auf dem Ausbau der deutschen Cloud- und KI-Kapazitäten: Ein komplett neues Rechenzentrum entsteht in Dietzenbach, das bestehende Zentrum in Hanau wird erheblich erweitert. Google erwartet durch das Gesamtprogramm jährlich rund 9.000 unterstützte Arbeitsplätze. Das sind ausdrücklich keine 9.000 neuen Google-Stellen.

Warum Rhein Main? Frankfurt ist einer der wichtigsten Internetknotenpunkte der Welt. Für Cloud und KI zählt nicht nur Rechenleistung, sondern auch extrem schnelle Konnektivität zu Unternehmen, Banken, Industrie und Telekommunikationsnetzen. Ein Rechenzentrum wenige Kilometer vom DE CIX entfernt besitzt deshalb einen strukturellen Standortvorteil.

Technisch interessant ist auch die Energiefrage. Google will in Dietzenbach erstmals in Deutschland Abwärme aus einem eigenen Rechenzentrum in ein Fernwärmenetz einspeisen. Mehr als 2.000 Haushalte könnten davon profitieren. Gleichzeitig soll der deutsche Google Betrieb 2026 bereits zu mindestens 80% mit CO₂ freier Energie versorgt werden.

Strategisch entsteht damit zwischen Frankfurt, Hanau und Dietzenbach ein immer dichterer digitaler Infrastrukturcluster. AWS, Google, Microsoft, Telekommunikationsunternehmen, Colocation-Anbieter und der DE CIX ziehen sich gegenseitig an. Das ist der digitale Gegenentwurf zu klassischen Industrieclustern wie Wolfsburg oder Ludwigshafen.

Telekom und Nvidia Industrial AI Cloud München, 10.000 Blackwell GPUs für die deutsche Industrie

Dieses Projekt gehört für mich zu den interessantesten der gesamten Liste. Telekom und Nvidia haben innerhalb von nur rund 6 Monaten eine industrielle KI-Cloud im Münchner Tucherpark aufgebaut. Die Partnerschaft hat ein Volumen von rund 1 Mrd. €. Seit Februar ist die Anlage in Betrieb.

Technisch sprechen wir von rund 10.000 Nvidia Blackwell GPUs, mehr als 1.000 DGX B200 beziehungsweise RTX Pro Server Systemen, rund 20 Petabyte Speicher und bis zu 0,5 ExaFLOPS Rechenleistung. Vier 400 Gigabit Glasfaserverbindungen und rund 75 Kilometer interne Glasfaser verdeutlichen, dass hier tatsächlich Supercomputer-Dimensionen erreicht werden. Laut Telekom stieg die verfügbare KI-Rechenleistung Deutschlands durch die Inbetriebnahme um ungefähr 50%.

Der entscheidende Unterschied zu einem normalen Rechenzentrum ist die Zielgruppe. Unternehmen sollen dort Modelle trainieren, digitale Zwillinge simulieren, Robotik entwickeln, Produktionsprozesse optimieren und sensible Unternehmensdaten verarbeiten. Siemens, SAP, Agile Robots, PhysicsX, Noxtua und das europäische Modellprojekt SOOFI gehören zum entstehenden Ökosystem. Bereits zur Eröffnung war mehr als ein Drittel der Kapazität vergeben.

Auch hier bleibt eine Abhängigkeit: Die entscheidenden GPUs stammen von Nvidia. Die Infrastruktur, Datenkontrolle, Cloud Umgebung und Anwendungen können europäisch sein, der wichtigste Rechenchip aber nicht. Genau deshalb ist das Projekt gleichzeitig Fortschritt und Anschauungsunterricht über Europas bestehende technologische Abhängigkeiten.

JUPITER in Jülich, Europa tritt erstmals in die Exascale Liga ein

JUPITER ist wissenschaftlich vielleicht das bedeutendste Rechenprojekt Deutschlands. Der Supercomputer wurde im September 2025 in Jülich offiziell eingeweiht und ist Europas erster Rechner, der mehr als eine Trillion Rechenoperationen pro Sekunde erreicht, also die Exascale Schwelle überschreitet. Das Gesamtbudget beträgt maximal 500 Mio. €, jeweils zur Hälfte finanziert durch EuroHPC und Deutschland beziehungsweise Nordrhein Westfalen.

Herzstück des sogenannten Booster-Moduls sind ungefähr 24.000 Nvidia GH200 Grace Hopper Superchips. Für klassische Hochleistungsberechnungen erreicht JUPITER Exascale Leistung, für bestimmte KI-Berechnungen mit geringerer numerischer Präzision sind theoretisch sogar bis zu 80 ExaFLOPS möglich.

Wofür braucht man das? Beispielsweise für hochauflösende Klima und Wettermodelle, Materialforschung, Quantenphysik, Arzneimittelforschung, Astrophysik, Energienetze und große KI Modelle. Aufgaben, für die normale Rechenzentren Monate benötigen würden, lassen sich erheblich beschleunigen.

Besonders interessant ist die Energieeffizienz. JUPITER arbeitet mit Warmwasserkühlung und soll seine Abwärme in das Wärmenetz des Forschungszentrums einspeisen. Das ist relevant, weil Rechenleistung künftig immer stärker durch Energieversorgung und Kühlung begrenzt wird.

JUPITER ist damit mehr als ein Forschungsrechner. Europa besitzt damit erstmals eigene öffentlich kontrollierte Rechenkapazität in einer Größenordnung, die zuvor fast ausschließlich USA und China vorbehalten war.

DLR Quantencomputing Initiative, Deutschland versucht eine komplette Quantenindustrie aufzubauen

Die DLR Initiative unterscheidet sich fundamental von einem einzelnen Forschungsprojekt. Der Staat stellt 740 Mio. € bereit, rund 80% davon sollen in die Wirtschaft fließen. Statt einen einzigen Gewinner auszuwählen, werden unterschiedliche Quantencomputer Technologien parallel entwickelt. Dazu gehören Ionenfallen, neutrale Atome, Diamant Spins, photonische Systeme und weitere Architekturen.

Heute umfasst das Ökosystem rund 4.340 m² Labore, Reinräume und Büros in Hamburg und Ulm, 17 Hardwareprojekte, mehr als 60 Anwendungsfälle und über 100 Partner. Insgesamt existieren rund 80 Hardware, Software und Anwendungsprojekte.

Das Interessante ist die Industriepolitik dahinter. Deutschland versucht nicht erst dann einzusteigen, wenn IBM, Google oder chinesische Anbieter fertige Quantencomputer verkaufen. Start ups erhalten Aufträge, Reinräume, Testinfrastruktur und Zugang zu realer Hardware. Gleichzeitig entwickeln Unternehmen Anwendungen für Batterien, Logistik, Strömungssimulation, Materialforschung, Kryptografie oder KI.

In Hamburg entsteht inzwischen sogar eine Pilotlinie für Ionenfallenprozessoren. Genau hier beginnt die Initiative dem Berliner Gen und Zelltherapiezentrum zu ähneln: Der Staat schafft teure Infrastruktur, die ein einzelnes Start up kaum finanzieren könnte, und versucht dadurch aus Forschung industrielle Unternehmen entstehen zu lassen.

Proxima Fusion, Alpha und Stellaris, Deutschlands vielleicht kühnstes Deeptech Projekt

Proxima Fusion ist eine Ausgründung aus dem Max Planck Institut für Plasmaphysik. Das Unternehmen setzt auf Stellaratoren, also Fusionsreaktoren, bei denen extrem komplexe supraleitende Magnetfelder das heiße Plasma einschließen. Anders als ein Tokamak benötigt ein Stellarator prinzipiell keinen großen Plasmastrom, was einen kontinuierlichen Betrieb erleichtern könnte.

Der Plan ist zweistufig. Zunächst soll in Garching der Demonstrator Alpha entstehen. Bayern stellt dafür bis zu 400 Mio. € Kofinanzierung in Aussicht. Die gesamte Anlage wird derzeit mit ungefähr 2 Mrd. € veranschlagt. Danach soll am ehemaligen Kernkraftwerksstandort Gundremmingen gemeinsam mit RWE ein mögliches kommerzielles Fusionskraftwerk namens Stellaris entstehen. Das Max Planck Institut übernimmt beim Alpha Projekt die wissenschaftliche Führung.

Im Juli 2026 sammelte Proxima weitere 411 Mio. € privates Kapital ein. Zu den Investoren gehören unter anderem RWE und Google. Die Unternehmensbewertung liegt inzwischen bei rund 2,4 Mrd. €.

Das Projekt ist aber wesentlich riskanter als eine Halbleiterfabrik. Kommerzielle Fusionsenergie existiert weltweit noch nicht. Alpha soll deshalb beweisen, dass das berechnete Magnetdesign tatsächlich industriell gebaut und betrieben werden kann.

Gelingt das, wäre die Upside enorm. Deutschland könnte bei einer völlig neuen Energieindustrie nicht nur Anwender, sondern Technologieanbieter sein. Scheitert Alpha, bleiben erhebliche Forschungs und Entwicklungskosten. Genau deshalb ist Fusion klassisches High Risk High Reward Deeptech.

PowerCo Salzgitter, Volkswagen holt die Batterie ins eigene Haus

Im Dezember 2025 hat PowerCo die ersten eigenen Batteriezellen in Salzgitter produziert. In der ersten Stufe sollen bis zu 20 GWh Jahreskapazität entstehen, später sind bis zu 40 GWh möglich. 20 GWh reichen je nach Batteriegröße ungefähr für 250.000 Elektroautos. Volkswagen hatte für Aufbau und Hochlauf ursprünglich rund 2 Mrd. € vorgesehen.

Die eigentliche strategische Idee ist jedoch die sogenannte Einheitszelle. Statt für jedes Fahrzeug und jede Marke völlig unterschiedliche Batteriezellen einzusetzen, entwickelt PowerCo ein standardisiertes prismatisches Zellformat, das unterschiedliche Chemien aufnehmen kann. In Salzgitter startet NMC, später können beispielsweise LFP Varianten folgen. Die aktuelle Zelle soll rund 10% höhere Energiedichte erreichen als bisherige Lösungen.

Salzgitter ist zugleich Entwicklungszentrum und Blaupause. Fabriken in Valencia und Kanada sollen nach demselben Standardfabrik Konzept funktionieren. Produktionswissen, Software, Prozesse und Personal können dadurch zwischen Standorten übertragen werden.

Das ist strategisch wichtig, weil Batterie- und Leistungselektronik inzwischen einen erheblichen Teil der Wertschöpfung eines Elektroautos ausmachen. Volkswagen versucht also, sich von einem Autohersteller zu einem vertikal integrierten Batterie und Technologieunternehmen weiterzuentwickeln.

Ob sich diese Strategie wirtschaftlich rechnet, hängt allerdings massiv von Zellkosten, Auslastung und der Konkurrenz chinesischer Hersteller wie CATL und BYD ab.

Eli Lilly Alzey, eine der größten Pharma-Neuansiedlungen Deutschlands

Lilly investiert 2,3 Mrd. € in einen komplett neuen Produktionsstandort auf rund 30 Hektar in Alzey. Aktuell arbeiten mehr als 2.000 Menschen auf der Baustelle, langfristig sollen bis zu 1.000 reguläre Arbeitsplätze entstehen. Produktionslinien werden derzeit installiert und getestet, anschließend folgen Validierung und Zulassung durch die Behörden.

Wichtig ist zu verstehen, was dort hergestellt wird. Alzey produziert zunächst nicht den pharmazeutischen Wirkstoff selbst. Dieser wird von anderen Lilly Standorten angeliefert. In Alzey wird daraus das fertige injizierbare Medikament formuliert, steril in Kartuschen abgefüllt, in Injektionspens eingebaut, etikettiert und für verschiedene Märkte verpackt.

Starten will Lilly mit Medikamenten gegen Diabetes und Adipositas. Damit befindet sich Alzey mitten im globalen GLP1-Boom. Die Anlage ist jedoch bewusst flexibel konzipiert und nicht dauerhaft an ein einzelnes Präparat gebunden.

Das ist strategisch hochinteressant: Viele Medikamente scheitern heute nicht an Forschung oder Nachfrage, sondern an fehlender industrieller Produktionskapazität. Sterile Injektionsfertigung ist technisch anspruchsvoll, kapitalintensiv und stark reguliert. Wer diese Infrastruktur besitzt, kontrolliert einen kritischen Teil der pharmazeutischen Wertschöpfung.

Sanofi Frankfurt Höchst, Insulin wird zur strategischen Infrastruktur

Sanofi investiert rund 1,3 Mrd. € in eine neue Insulinproduktion in Frankfurt Höchst. Erst vor wenigen Tagen, am 8. September, genehmigte die EU Kommission zusätzlich eine deutsche Beihilfe von bis zu 400 Mio. €.

Besonders bemerkenswert sind die Bedingungen. Sanofi verpflichtet sich, spätestens bis Ende 2032 eine neue Insulinfabrik aufzubauen, bis mindestens 2042 jährlich wenigstens 1,1 Tonnen Insulin zu produzieren und zusätzlich eine Reserve von einer Tonne Wirkstoff vorzuhalten. Bei Engpässen müssen europäische Märkte bevorzugt beliefert werden.

Damit wird die Fabrik quasi Teil der europäischen Gesundheitsvorsorge. Die EU behandelt Insulin hier nicht einfach als beliebiges Pharmaerzeugnis, sondern zunehmend wie strategische Infrastruktur.

Warum? Arzneimittelproduktion ist in den vergangenen Jahrzehnten stark globalisiert worden. Bei Wirkstoffen und Vorprodukten bestehen teilweise erhebliche Abhängigkeiten von Asien. Bei einem lebensnotwendigen Medikament wie Insulin kann ein Produktionsausfall unmittelbar medizinische Folgen haben.

Das Projekt zeigt deshalb einen größeren industriepolitischen Wandel. Versorgungssicherheit bekommt einen ökonomischen Wert. Europa ist bereit, zusätzliche Kosten zu akzeptieren, um kritische Produktion innerhalb Europas zu halten.

Roche Penzberg, fast eine Milliarde Euro für Diagnostik

Roche baut Penzberg zu einem der bedeutendsten Life Science Standorte Europas aus. Dabei laufen zwei große Projekte parallel.

Das in diesem Jahr eröffnete Diagnostik Innovationszentrum kostete rund 300 Mio. €. Etwa 1.000 Mitarbeiter sollen dort künftig arbeiten. Robotik, Automatisierung und digitale Prozesse sollen wichtige Entwicklungsschritte neuer diagnostischer Tests um rund 30% beschleunigen. Der Energiebedarf liegt laut Roche etwa 70% unter früheren Laborgenerationen.

Parallel entsteht für mehr als 600 Mio. € ein neues Diagnostik Produktionszentrum. Der Rohbau wurde 2025 bereits früher als geplant fertiggestellt, 2028 soll die Produktion beginnen. Dort sollen mehr als 450 verschiedene Einsatzstoffe hergestellt werden, die weltweit in diagnostischen Tests verwendet werden. Das Gebäude umfasst rund 23.000 m².

Das Besondere an Penzberg ist die Verbindung aus Pharma, Biotechnologie und Diagnostik. Forschung und industrielle Fertigung liegen am selben Standort. Genau diese räumliche Nähe beschleunigt Technologietransfer.

Roche hat seit 2020 insgesamt mehr als 3,5 Mrd. € in Deutschland investiert. Penzberg entwickelt sich dadurch weniger zu einer einzelnen Fabrik als zu einem kompletten Life Science Campus.

Vetter Pharma Saarlouis, Deutschland baut Kapazitäten für Biotech Medikamente aus

Vetter ist vielen außerhalb der Pharmabranche kaum bekannt, gehört aber zu den weltweit bedeutenden Spezialisten für sterile injizierbare Medikamente. Das Unternehmen produziert für andere Pharma und Biotechunternehmen, also als sogenannter CDMO.

In Saarlouis entsteht nun ein komplett neuer Standort. Allein die erste Phase umfasst rund 480 Mio. €. Das erste Produktionsgebäude soll etwa 50.000 m² umfassen, der Produktionsstart ist für 2031 vorgesehen. Zunächst entstehen ungefähr 400 bis 500 Arbeitsplätze, später können es 1.500 und perspektivisch bis zu 2.000 werden.

Langfristig soll der Standort sämtliche entscheidenden Schritte abdecken: sterile Abfüllung, optische Kontrolle, Verpackung, Labore und Lagerung.

Warum ist das interessant? Immer mehr moderne Arzneimittel sind Biologika, Antikörper oder andere komplexe Moleküle, die injiziert werden müssen. Eine klinisch erfolgreiche Substanz ist wertlos, wenn sie nicht unter strengsten sterilen Bedingungen in Millionen Spritzen oder Vials gefüllt werden kann.

Vetter baut also keine glamouröse Grundlagenforschung auf. Es baut genau den industriellen Flaschenhals, den eine wachsende Biotechbranche benötigt. Das macht das Projekt strategisch bemerkenswert.

Rheinmetall Unterlüß und Weeze, Deutschland baut wieder industrielle Verteidigungskapazität auf

In Unterlüß hat Rheinmetall innerhalb von nur 15 Monaten ein neues Artilleriewerk errichtet. Die Investition liegt inzwischen bei fast 500 Mio. €. Bei voller Auslastung ab 2027 sollen jährlich bis zu 350.000 moderne 155 Millimeter Artilleriegeschosse produziert werden. Zusätzlich entstehen Kapazitäten für rund 1.900 Tonnen Sprengstoff sowie bis zu 3.000 Raketenmotoren und Komponenten. Bis zu 500 Arbeitsplätze kommen hinzu.

Interessant ist die vertikale Integration. Rheinmetall versucht vom Rohmaterial über Sprengstoff, Geschosskörper und Treibladung bis zum fertigen Schuss möglichst viel Wertschöpfung innerhalb eigener beziehungsweise europäischer Strukturen abzubilden. Hintergrund sind die enormen Munitionsverbräuche des Ukraine Krieges und jahrelang zu geringe westliche Produktionskapazitäten.

In Weeze läuft seit Juli 2025 parallel die Produktion von F 35 Rumpfmittelteilen. Rund 200 Mio. € wurden investiert, mehr als 400 Hightech Arbeitsplätze entstehen. Northrop Grumman transferiert dafür seine automatisierte Produktionstechnologie aus den USA nach Deutschland. Die ersten kompletten Rumpfsektionen sollen ab 2027 ausgeliefert werden.

Strategisch entsteht hier etwas, das Deutschland lange abgebaut hatte: skalierbare industrielle Verteidigungsproduktion.

Das deutsche Wasserstoff Kernnetz, 9.040 Kilometer Infrastruktur auf Verdacht auf eine zukünftige Industrie

Das Wasserstoff-Kernnetz ist mit erwarteten Investitionen von rund 18,9 Mrd. € eines der größten Infrastrukturvorhaben Deutschlands. Insgesamt sollen 9.040 Kilometer Leitungen entstehen. Rund 56% werden bestehende Erdgasleitungen sein, die auf Wasserstoff umgestellt werden, etwa 44% müssen neu gebaut werden. Das Netz soll schrittweise bis 2032 entstehen.

Der wirtschaftliche Gedanke dahinter ist ein klassisches Henne-Ei-Problem. Niemand baut große Elektrolyseure, Stahlwerke oder Wasserstoffkraftwerke, wenn nicht klar ist, wie Wasserstoff transportiert wird. Gleichzeitig baut niemand Pipelines, wenn keine Abnehmer existieren. Der Staat versucht deshalb, zuerst ein Grundnetz zu etablieren.

Es soll große Industrieregionen, Häfen, Speicher, Kraftwerke, Importterminals und zukünftige Wasserstoffproduzenten verbinden. Besonders relevant sind Stahl, Chemie, Raffinerien und Teile der Schwerindustrie, wo Elektrifizierung technisch schwieriger ist.

Das Projekt ist aber auch eines der ökonomisch riskanteren dieser Liste. Niemand weiß heute exakt, wie groß Deutschlands Wasserstoffverbrauch 2035 tatsächlich sein wird und welchen Preis grüner Wasserstoff erreichen kann. Das Kernnetz ist deshalb Infrastruktur plus Industriepolitik plus Wette auf einen zukünftigen Energiemarkt.

NeuConnect, erstmals eine direkte Stromautobahn zwischen Deutschland und Großbritannien

NeuConnect ist eine mehr als 700 Kilometer lange Hochspannungsverbindung zwischen Deutschland und Großbritannien. Das Investitionsvolumen liegt bei rund 2,8 Mrd. €. Im Juli 2026 waren bereits mehr als 350 Kilometer Kabel verlegt. Ende 2027 sollen Testläufe beginnen, der kommerzielle Betrieb ist für 2028 vorgesehen.

Die Übertragungskapazität beträgt 1.400 MW, also 1,4 GW. Das entspricht ungefähr der Leistung eines großen Kernkraftwerks. Allerdings erzeugt NeuConnect keinen Strom. Es verschiebt Strom dorthin, wo er gerade knapper und damit teurer ist.

Das ist für ein Energiesystem mit viel Wind und Solar enorm wichtig. Wenn Norddeutschland Überschussstrom produziert, kann er Richtung Großbritannien fließen. Wenn dort beispielsweise starke Offshore Windproduktion herrscht und Deutschland Strom benötigt, funktioniert die Verbindung in die andere Richtung.

Ökonomisch verbindet NeuConnect 2 bislang direkt getrennte Strommärkte. Dadurch steigt Wettbewerb, vorhandene Kraftwerke und erneuerbare Energien können effizienter genutzt werden und extreme Preisschwankungen können tendenziell gedämpft werden.

In einer Welt mit immer mehr wetterabhängiger Stromproduktion werden solche Interkonnektoren fast so wichtig wie neue Kraftwerke.

Siemens Technology Campus Erlangen, eine Fabrik wird zum Testlabor für das industrielle Metaverse

Siemens investiert rund 500 Mio. € in den Umbau seines Erlanger Standorts zu einem neuen Entwicklungs und Hightech Fertigungscampus. Der Grundstein wurde im September 2025 gelegt. Der Schwerpunkt liegt auf Leistungselektronik, Automatisierung, digitaler Produktion, KI und digitalen Zwillingen. Rund 3.000 Siemens Mitarbeiter arbeiten am Standort.

Besonders interessant ist, dass Siemens den Campus praktisch zuerst virtuell gebaut hat. Ein digitaler Zwilling simuliert Gebäude, Energieversorgung, Produktionsabläufe und Infrastruktur, bevor Teile davon physisch entstehen. Genau dieses Konzept will Siemens später seinen Industriekunden verkaufen.

Das industrielle Metaverse klingt zunächst nach Marketing, beschreibt aber etwas sehr Konkretes. Eine Fabrik, Maschine oder komplette Produktionslinie existiert zunächst als hochpräzises digitales Modell. Ingenieure können Prozesse simulieren, Roboter programmieren, Engpässe finden und Umbauten testen, ohne eine reale Produktionslinie anzuhalten.

Siemens kann dabei Software, Automatisierung, Sensorik, Steuerungen, KI und industrielle Hardware miteinander verbinden. Das unterscheidet das Unternehmen deutlich von reinen Softwareanbietern.

Dass das keine reine Zukunftsvision ist, zeigt die bestehende Elektronikfertigung in Erlangen. Durch KI, Robotik und digitale Zwillinge konnte Siemens dort nach eigenen Angaben die Produktivität innerhalb von vier Jahren um 69% steigern und den Energieverbrauch um 42% reduzieren.

Meine Stimme aus dem Off: Deutschland baut derzeit tatsächlich eine bemerkenswert breite neue technologische Infrastruktur auf. Dabei lassen sich 4 Cluster erkennen. Dresden wird zum europäischen Halbleiterzentrum. München, Jülich, Hamburg und Ulm bündeln KI, Supercomputing, Quanten und Fusion. Rhein Main, Rheinland Pfalz, Berlin und Penzberg entwickeln einen starken Pharma- und Biotechkorridor. Salzgitter, Unterlüß, Weeze und das Wasserstoffnetz zeigen gleichzeitig die Rückkehr großer industrieller Produktionskapazitäten.

Der entscheidende Punkt ist aber die Qualität dieser Investitionen: Viele dieser Milliarden fließen nicht in klassische Kapazitätserweiterungen, sondern in Technologien, die in den kommenden 10 bis 20 Jahren komplette Wertschöpfungsketten bestimmen können. Chips, KI Rechenleistung, Batterien, Genmedizin, Quantencomputing, Fusion, moderne Arzneimittelproduktion und neue Energieinfrastruktur.

Allerdings ... bei mehreren der größten Projekte stammen entscheidende Kerntechnologien weiterhin aus dem Ausland. TSMC liefert Halbleiter Know how, Nvidia die KI GPUs, AWS und Google die Cloudplattformen, Lilly und Sanofi sind ausländische Pharmakonzerne, die F 35 Technologie stammt aus den USA. Deutschland gewinnt damit enorm wertvolle Infrastruktur, Produktion, Arbeitsplätze und Wissen. Der nächste Schritt wäre der, aus diesen Standorten eigene Unternehmen, geistiges Eigentum und globale Technologieführer entstehen zu lassen. Daran wird sich entscheiden, ob aus dieser Investitionswelle tatsächlich eine neue industrielle Ära für Deutschland wird.

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2 Kommentare

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  • Hausverstand
    Hausverstand

    Danke für den tollen Artikel, der Mut macht....genau richtig und nötig für die jetzige Zeit !

    15:10 Uhr, 15.09.
  • fred_
    fred_

    Danke für den Hintergrundartikel, den Überblick weiß ich sehr zu schätzen.

    ... und globale Technologieführer entstehen zu lassen. - - Das wird nie passieren, zu spät, zu träge, zu bürokratisch, nicht risikofreudig. Vll. wenn KI Politiker und Beamte ablöst wird da noch was draus.

    15:03 Uhr, 15.09.

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