Kommentar
08:39 Uhr, 23.03.2026

"Lehrbuch trifft Realität – Gedanken zum heißen März 2026"

Es gehört zu den Eigenarten der Realität, dass sie sich anders verhält, als es das Lehrbuch vorschreibt. Lehrbücher sollten aber deshalb nicht abgeschrieben, sondern laufend fortgeschrieben werden. Ali Masarwah, Fondsanalyst und Geschäftsführer des Beratungshauses envestor, hat sich Gedanken gemacht, was den heißen März 2026 auszeichnet.

23. März 2026. FRANKFURT (envestor). Wohin mit dem Geld in turbulenten Börsenzeiten? Wenn wir uns einig sind, dass der Krieg der USA und Israels gegen den Iran potenziell verheerende Folgen für die Weltwirtschaft haben könnte, dann wäre auf den ersten Blick Gold eine gute Verteidigungslinie für Portfolios – zumal steigende Energiepreise oft der Vorbote einer Inflation sind. Das Edelmetall gilt als klassische Versicherung gegen Unfälle im Finanzsystem. Doch was macht das Schutzschild für Wertpapierportfolios aus dieser Steilvorlage? Es bricht seit Beginn der Angriffe auf den Iran um gut 10 Prozent ein. Dass Goldaktien ebenfalls zu den großen Verlierern gehören, verwundert dann schon weniger. Der Hebel auf den Goldpreis wirkt leider auch in Abwärtsphasen, sodass vor allem kleine Minengesellschaften an der Börse fallen wie Steine. Der Index NYSE Arca Gold Bugs ist um gut 30 Prozent im März eingebrochen. Haken wir also Gold ab.

Die nächste Enttäuschung sind Schweizer Aktien. Sie gelten gemeinhin als das Solideste, was der Aktienmarkt zu bieten hat. Doch auch sie verloren bisher zweistellig.

Doch es gibt auch positive Überraschungen. Ausgerechnet Software-Firmen aus dem Bereich SaaS, Software as a Service, zählen zu den Gewinnern der letzten drei Wochen. Diesen Firmen wurde „damals“, im Februar 2026, der KI induzierte Untergang prophezeit. ETFs, die den Nasdaq Emerging Cloud Index abbilden, haben auf Eurobasis bisher in diesem Monat um gut 5 Prozent zugelegt.

Wie passt das alles zusammen? Die aktuelle Korrektur – wir sprechen bewusst noch nicht von Krise oder Crash – ist ein guter Anlass für einige Beobachtungen:

Einzelne Anlageklassen mögen langfristig bestimmte Eigenschaften besitzen, doch wie sie sich in einer konkreten Situation verhalten, ist kontingent. Gold verliert mutmaßlich gerade deshalb so stark, weil viele Anleger nach satten Gewinnen 2025 und 2024 mit plus 45 bzw. 35 Prozent aus Sicht von Euro-Anlegern, Kasse machen; bei SaaS Aktien setzt sich offenbar die Erkenntnis durch, dass die Verluste der vergangenen 12 Monate übertrieben waren. Viele an der Börse regelrecht zertrümmerte Software-Firmen schreiben glänzende Gewinne, vielleicht werden ja nicht alle durch KI in die Pleite getrieben?

In Korrekturphasen wird typischerweise alles verkauft, was liquide und damit zügig und günstig veräußerbar ist. Diversifikation funktioniert daher in einem allgemeinen Abverkauf oft schlechter als erhofft. Wer daraus schließt, dass Diversifikation „nicht mehr funktioniert“, irrt allerdings. Diversifikation bedeutet nicht, dass zwingend immer ein Teil des Depots im Plus sein muss. Entscheidend ist, dass nicht alle Assets dauerhaft und im selben Ausmaß fallen.

Es gibt auch in Korrekturphasen Gewinner: So liegen heute Katastrophen-Bonds, Unternehmensanleihen für Emerging Markets leicht, Energieaktien sogar deutlich im Plus. Dass solche Nischen gegen den Trend gewinnen, ist hilfreich, aber weil es Nischen sind, darf ihre Wirkung im Portfolio nicht überschätzt werden (leider befinden sich solche Assets zudem allzu selten in Standarddepots). Manche Nischenmärkte haben das Zeug, zum Mainstream aufzurücken, manche Nischen bleiben jedoch Nischen und werden nie die Nadel in Portfolios bewegen. Daher tun Anlegerinnen und Anleger gut daran, in erster Linie auf breite Märkte zu setzen.

Anleihen sind keine sichere Anlageklasse per se. Das Gespenst der Inflation geht gerade um. Mit den Inflationserwartungen steigen auch die Anleihenrenditen, und dann fallen die Kurse. Länger laufende Staatsanleihen haben im März durch die Bank verloren – allen voran britische Gilts, aber auch breit gestreute Euro-Rentenindizes sackten um bis zu 3 Prozent ab. Anleger tun gut daran, ein Auge auf Laufzeitrisiken zu behalten – der Jahrhundert-Crash bei Anleihen ist schließlich gerade einmal vier Jahre her.

Spiegelbildlich dazu ist Cash wieder einmal King. Aber selbst wer gut verzinstes Cash hält, etwa in Gestalt von Geldmarktfonds und ETFs, zahlt dafür mittel und langfristig hohe Opportunitätskosten. Letztlich agieren Anleger, die ihr „Pulver trocken halten“ taktisch. Wie Anleger wissen, gilt aber das Motto: Time in the Market schlägt Market Timing.

Auch scheinbar erratische Entwicklungen von Asset-Preisen sind rational erklärbare Folgen unterschiedlicher Präferenzen. Nicht nur gehen die Investment-Thesen von Anlegerinnen und Anlegern in volatilen Zeiten auseinander, auch unterschiedliche Zeithorizonte fördern unterschiedliche Verhaltensweisen zu Tage. Wer eine langfristige Perspektive hat, sitzt Korrekturen aus. Wer sich dagegen mit begrenztem Risikobudget in Hausse-Phasen zu viel zugetraut hat, wird in der Korrektur eher früher als später die Reißleine ziehen.

Wenn viele Risiko Positionen mit Krediten aufgebaut wurden, entscheiden mitunter der Margin Call der Bank und die Liquidität über die kurzfristige Richtung der Märkte. Glücklich ist, wer die Nerven und die Finanzstärke hat, kurzfristige Liquiditätsengpässe auszuhalten.

Von Ali Masarwah, 23. März 2026, © envestor.de

Über den Autor

Ali Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor.de, eine der wenigen Fondsplattform, die Cashbacks auf Fonds-Vertriebsgebühren zahlt. Masarwah analysiert seit über 20 Jahren Märkte, Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar. Seine Expertise wird auch von zahlreichen Finanzmedien im deutschsprachigen Raum geschätzt.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von Deutsche Börse. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.