Kommentar
14:14 Uhr, 21.06.2024

Hohe Arbeitslosenrate und keine Rezession?

Die steigende Arbeitslosenrate in den USA gibt viele Rätsel auf. Im Zentrum steht die Frage, wie es sein kann, dass eine Rezession bei steigender Arbeitslosenrate ausbleibt. Es wäre wohl der erste Aufschwung, in dem die Arbeitslosenrate steigt.

Die Arbeitslosenrate ist ein guter Indikator dafür, ob sich die US-Wirtschaft in einer Rezession befindet. Anders als in den meisten Ländern wird eine Rezession vom National Bureau of Economic Research festgestellt. In anderen Ländern gilt die Wirtschaft als rezessiv, wenn das Wachstum in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen negativ ist.

Dieser Umstand ersparte der US-Wirtschaft eine offizielle Rezession im Jahr 2022. Im ersten und zweiten Quartal 2022 schrumpfte die Wirtschaftsleistung. Eine Rezession wurde nicht festgestellt, da die Arbeitslosenrate weiterhin fiel. Um die Bedingungen einer Rezession zu erfüllen, müssen mehrere Faktoren zusammentreffen. Die Einkommen müssen sinken und die Arbeitslosenrate steigen. Gleichzeitig muss die wirtschaftliche Aktivität einen breiten Abschwung zeigen. Ein Rückgang der Aktivität in einem einzelnen Sektor ist nicht ausreichend.


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Mit diesen Kriterien bleibt der US-Wirtschaft vorerst eine Feststellung einer Rezession erspart. Es wäre auch merkwürdig, wenn man eine Rezession feststellt, die Wirtschaft aber gleichzeitig mit 2 % wächst. So kann es sein, dass die USA gleich zwei neue Erfahrungen innerhalb kurzer Zeit machen. 2022 blieb eine Rezession aus, obwohl die Wirtschaft schrumpfte, weil die Arbeitslosenrate fiel und 2024 bleibt eine Rezession aus, obwohl die Arbeitslosenrate steigt, weil die Wirtschaft wächst.

Dennoch bleibt die Frage, wie es überhaupt sein kann, dass die US-Wirtschaft weiterhin wächst, wenn die Arbeitslosenrate steigt. Mehr Arbeitslose bedeutet weniger Einkommen und weniger Konsum. Das widerspricht Wachstum, zumal die US-Wirtschaft vom Konsum abhängig ist. Tatsächlich deutet ein Indikator, der den Dreimonatsdurchschnitt der Arbeitslosenrate zum Vorjahr zeigt, einen Abschwung an. Steigt der Durchschnitt auf Jahressicht um mehr als 0,4 Prozentpunkte, befindet sich die Wirtschaft bereits in einer Rezession (Grafik 1). Der Schwellenwert von 0,4 wurde in jeder Rezession ein bis sieben Monate nach Rezessionsbeginn erreicht (Grafik 2).

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Die Modelle sagen hingegen weiterhin Wachstum voraus. Das Modell der Notenbank von Atlanta deutet für das laufende Quartal ungefähr 3 % Wachstum an, das Modell der Notenbank von New York ungefähr 2 %. Der wöchentliche Aktivitätsindikator zeigt ebenfalls Wachstum (Grafik 3).

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Etwas stimmt also nicht. Man kann nicht einen bisher unfehlbaren Indikator auf Basis des Arbeitsmarktes haben, der eine Rezession anzeigt und gleichzeitig hohes Wachstum ausweisen. Des Rätsels Lösung liegt in der unsinnigen Unterscheidung der Erhebung der US-Daten. Die Arbeitslosenrate wird auf Basis einer Haushaltsbefragung ermittelt, die Beschäftigung auf Basis einer Unternehmensbefragung.

Da Wirtschaft, Einkommen und Konsum wachsen, scheint die Haushaltsbefragung schlichtweg ein falsches Signal zu liefern. So ist es denkbar, dass die USA den ersten Wachstumszyklus mit steigender Arbeitslosenrate erleben.

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Über den Experten

Clemens Schmale
Clemens Schmale
Finanzmarktanalyst

Clemens Schmale hat seinen persönlichen Handelsstil seit den 1990er Jahren an der Börse entwickelt.

Dieser gründet auf zwei Säulen: ein anderer Analyseansatz und andere Basiswerte. Mit anders ist vor allem die Kombination aus Global Makro, fundamentaler Analyse und Chartanalyse sowie Zukunftstrends gemeint. Während Fundamentaldaten und Makrotrends bestimmen, was konkret gehandelt wird, verlässt sich Schmale beim Timing auf die Chartanalyse. Er handelt alle Anlageklassen, wobei er sich größtenteils auf Werte konzentriert, die nicht „Mainstream“ sind. Diese Märkte sind weniger effizient als andere und ermöglichen so hohes Renditepotenzial. Sie sind damit allerdings auch spekulativer als hochliquide Märkte. Die Haltedauer einzelner Positionen variiert nach Anlageklasse, beträgt jedoch meist mehrere Tage, oft auch Wochen oder Monate.

Rohstoffe, Währungen und Volatilität handelt er aktiv, in Aktien und Anleihen investiert er eher langfristig. Die Basiswerte werden direkt – auch über Futures – oder über CFDs gehandelt, in Ausnahmefällen über Optionen und Zertifikate.

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