Werbung
Kommentar
08:38 Uhr, 27.07.2026

"ESG-Investment: (fast) alles eine Frage des ETF-Anbieters"

Die verheerenden Waldbrände in Spanien und Frankreich und die extremen Hitzewellen des Sommers europaweit lassen keinen Raum für Zweifel: Der Klimawandel ist Realität. Was sollten Anlegende tun, die nachhaltig investieren wollen? Nicht das scheinbar Naheliegende, argumentiert Ali Masarwah von envestor.

27. Juli 2026. FRANKFURT (envestor). Wer die offenkundigen Klimarisiken heute in seiner Vermögensanlage ignoriert, agiert fahrlässig. Doch der vermeintlich logische Reflex, das Portfolio über ESG-Fonds oder nachhaltige ETFs zu „dekarbonisieren", ist ein Trugschluss – und zwar aus mehreren, teils widersprüchlichen Gründen, die aber im Gesamtzusammenhang gesehen werden sollten. Spoiler vorweg: Das vertiefte Studium von Nachhaltigkeits-Akronymen in Gestalt von ESG-Ratings und SFDR- Labels wie „Artikel 8“ bringt Sie nicht weiter.

Divestment kontra „Sünden-Prämie“

Der Öl-Multi BP beschleunigt den Klimawandel? Sofort BP-Aktien aus dem Portfolio werfen! So der klassische Reflex bei vielen Anlegenden. Aber so einfach ist es leider nicht. Denn das Boykottieren von CO₂-intensiven Branchen bewirkt oft das Gegenteil des Beabsichtigten. Wenn werteorientierte Investoren fossile Aktien abstoßen, ruft das wertorientierte Anleger auf den Plan. Verkauft ein Anlegender ein Wertpapier am Sekundärmarkt, kauft es ein anderer – das Unternehmen merkt davon nichts. Im Gegenteil: es kann sogar profitieren. Der akademische Befund dahinter ist die sogenannte Sünden-Prämie: Durch den künstlichen Kursrückgang sinkt die Bewertung „schmutziger“ Firmen, wodurch ihre erwartete Rendite steigt. Der bloße Handel mit Wertpapieren entzieht einem Öl- oder Kohlekonzern zudem keinen Cent an operativen Mitteln – die Aktie wechselt lediglich den Besitzer.

Ein koordiniertes, breit angelegtes Divestment durch das kollektive Handeln vieler – am besten sehr großer – Anleger könnte dagegen schon wirken. Höhere Kapitalkosten können Investitionsentscheidungen beeinflussen – nur eben nicht in dem Tempo und der Wirkmacht, die sich viele nachhaltig investierende Anleger erhoffen. Warum? Nun, es gibt viele Faktoren, die die Richtung der Kurse beeinflussen, und die ESG-relevante Faktoren werden oftmals von anderen Themen überlagert.

Der Zyklus schert sich nicht um ESG-Labels

Was in der ESG-Debatte weitgehend ausgeblendet wird: Die Kursfindung bei den Aktien der Förderer fossiler Energiequellen folgt, je nach Makro-Lage, einer eigenen Logik. Bricht plötzlich das Angebot weg – wie etwa im Irankrieg 2026 oder bei der russischen Invasion der Ukraine 2022 –, wird ESG zu einem Faktor zweiter, wenn nicht dritter Ordnung. In solchen Momenten zählt für Märkte und Staaten nur eines: die physische Versorgungssicherheit sichern – koste es, was es wolle. Die schwache Performance von ESG-Aktienfonds und -ETFs zwischen 2022 und 2024 liefert beredtes Zeugnis darüber ab, dass Nachhaltigkeitsbelange oft von anderen Faktoren überlagert werden.

Nachhaltigkeitsorientierte Anleger können sich in einem Punkt trösten: Es sind genau diese Knappheitsschocks, die den Übergang zu sauberer Energie beschleunigen – wer seinen Dieselgenerator aus Kostengründen nicht mehr betreiben kann, investiert in eine Solaranlage auf dem Dach, um gegen die nächste Energiekrise gewappnet zu sein. Marktbasierte Modelle sind effizienter als Appelle an die Vernunft und ESG-Labels. Wird Öl strukturell teuer, verschiebt sich die Rentabilitätsrechnung für Elektrifizierung, Energieeffizienz und erneuerbare Kapazitäten von selbst. Der „Pivot to Clean“ vollzieht sich dann ganz unabhängig von grünen Fondslabels – er passiert schlicht deshalb, weil er sich rechnet.

Einseitige Wetten auf saubere Kurse mögen aus ethischen Gründen naheliegend sein, aber im Zweifel beeinflussen sie den Kampf gegen den Klimawandel nicht und schaden dafür mitunter der eigenen Rendite wegen zu einseitig ausgerichteter Portfolios. Divestment mag also nicht wirkungslos sein, aber es ist ein stumpfes, langsam wirkendes Instrument. Auf Anlegerseite hat Divestment auch Nachteile: Wer pauschal ganze Sektoren ausschließt, beschneidet sein eigenes Anlageuniversum – im Zweifelsfall gerade dann, wenn Energie- und Rohstoffwerte als Inflationsschutz gebraucht würden.

Zahnlose US-Riesen vs. europäische Aktivisten

Doch was sollten Anlegerinnen und Anleger tun, die auch kurzfristig effektiv-nachhaltig agieren möchten? Die Antwort: Sie sollten sich darauf besinnen, was sie beeinflussen können. Der Hebel des Handelns liegt bei der Wahl des Anbieters, der die Produkte auf den Markt bringt, nicht bei den Produkten. Der Anbieter eines Fonds oder ETF bündelt im Hintergrund die Stimmrechte der Aktien aus den ihm anvertrauten Fonds und ETFs und entscheidet über das Abstimmungsverhalten. Wer wie auf den Hauptversammlungen abstimmt, ist transparent und gibt Anlegern Optionen an die Hand.

Mit Blick auf das Abstimmungsverhalten auf Hauptversammlungen offenbart sich eine bisher kaum zur Kenntnis genommene ESG-Zweiklassengesellschaft. Im Zuge des politischen Anti-ESG-Backlashs haben US-Häuser wie BlackRock/iShares und Vanguard ihre Stimmrechtspraxis drastisch verändert. Die Zustimmung der iShares-Mutter BlackRock zu Umwelt- und Sozialresolutionen fiel in der Proxy-Saison 2025 auf unter 2 Prozent, bei gleichzeitig 36 Prozent weniger zur Abstimmung gebrachten Anträgen. Vanguard bewegt sich in einer ähnlichen Größenordnung.

Wenn Anlegerinnen und Anleger mit Umweltbewusstsein blind ins ETF-Regal greifen bzw. sich nur an den ETF-Kosten orientieren, landen sie oft bei US-Anbietern, die in MAGA-Zeiten ihr Abstimmungsverhalten bei Hauptversammlungen an antiquierten Shareholder-Value-Modellen ausrichten – und damit die Blockadehaltung der „Old Economy“ fördern.

Europäische Asset Manager handeln oft anders. Amundi, Europas größter Vermögensverwalter, bündelt etwa die Stimmrechte aus seinem ganzen Produktangebot, egal, ob es sich um Standard-ETFs oder ESG-Produkte handelt. Im vergangenen Jahr haben die Franzosen 86 Prozent aller klima- und umweltbezogenen Aktionärsresolutionen unterstützt, während in gut einem Viertel der Fälle die von Unternehmen eingebrachten Resolutionen abgelehnt wurden. Der Befund passt ins größere Bild: Laut einer Harvard-Studie stimmten die 18 größten europäischen Vermögensverwalter zuletzt mit durchschnittlich rund 91 Prozent für solche Resolutionen, ihre US-Pendants (rund 20 Häuser) dagegen nur mit rund 31 Prozent – eine Kluft, die sich in den vergangenen Jahren vergrößert hat.

Stichwort BP: In diesem Jahr hat ein bemerkenswert breites Bündnis von europäischen Vermögensverwaltern – darunter die niederländische Robeco und die britische Legal & General – mehrheitlich gegen die Aufweichung von Klimaberichtspflichten gestimmt, als der Vorstand versuchte, frühere Klimazusagen zurückzudrehen. Die Initiative scheiterte nur knapp an der nötigen Zustimmungsschwelle für das Management. Vielleicht kam die knappe Mehrheit der ESG-Blockierer auch deshalb zustande, weil Sie einen ETF im Portfolio halten, dessen Anbieter Nachhaltigkeit nicht als Verpflichtung, sondern nur als Thema für bunte Nachhaltigkeitsberichte sieht?

Fazit für Anleger: Das „Wer“ schlägt das „Was“

So konterintuitiv es aussieht: Wer klimabewusst und nachhaltig in Fonds und ETFs investieren will, sollte weniger auf die Vehikel als auf deren Anbieter schauen. Ob ein Fonds nach der europäischen Transparenzverordnung das ESG-Label „Artikel 8“ trägt, ist nachrangig. Entscheidend ist, was das Investmenthaus hinter den Kulissen mit den ihm anvertrauten Stimmrechten macht. Wer sein Kapital aktiven europäischen Treuhändern anvertraut, die Stimmrechte als Hebel zur Transformation nutzen, bewegt tatsächlich etwas. Passive US-Sammelbecken verwalten auch im Nachhaltigkeitssinn „passiv“.

Es gilt jedoch, dabei den Sinn für die Realitäten zu behalten. Selbst die beste Governance-Strategie kann den Zyklus nicht aushebeln. Anleger sollten nicht erwarten, dass eine realistische ESG-Strategie sie vor geopolitisch getriebenen Preisschocks schützt – in solchen Phasen dominiert die Versorgungslage jede andere Erwägung, das Abstimmungsverhalten des eigenen Fondshauses tritt dann in den Hintergrund. Wer versteht, dass diese Schocks langfristig den Marktmechanismus in Richtung sauberer Energie treiben, kann als Anleger gelassener agieren. Klimabewusstes Investieren heißt daher vor allem: sich stärker auf das Abstimmungsverhalten des selbst gewählten Fonds- oder ETF-Managers zu konzentrieren und so indirekt, aber effektiv eine aktive Governance einzufordern. Kurzfristige Wetten gegen fossile Werte bringen dagegen wenig.

Von Ali Masarwah, 27. Juli 2026, © envestor.de

Über den Autor

Ali Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor.de, eine der wenigen Fondsplattform, die Cashbacks auf Fonds-Vertriebsgebühren zahlt. Masarwah analysiert seit über 20 Jahren Märkte, Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar. Seine Expertise wird auch von zahlreichen Finanzmedien im deutschsprachigen Raum geschätzt.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von Deutsche Börse. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.