Dr. Spendigs Nachhaltigkeitssprechstunde – Wie Klimarisiken Staatsanleihen ins Schwitzen bringen
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Servus und moin, moin allerseits aus München!
Willkommen zur nächsten Ausgabe der Nachhaltigkeitssprechstunde! Heute widmen wir uns einer Frage, die auf den ersten Blick vielleicht trocken klingt – aber bei näherer Betrachtung alles andere als das ist: Wie beeinflussen Klimarisiken die Renditen und Bewertungen von Staatsanleihen?
Spoiler vorweg: Die Antwort ist komplizierter als man denkt – und gleichzeitig überraschend intuitiv.
Was hat das Klima mit Staatsanleihen zu tun?
Staatsanleihen gelten traditionell als sicherer Hafen. Man kauft sie, weil man dem Emittenten – also einem Staat – vertraut, dass er in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren noch solvent ist und seinen Verpflichtungen nachkommt. Genau hier kommt das Klima ins Spiel. Denn ob ein Staat in drei Jahrzehnten noch stabil wirtschaften kann, hängt zunehmend davon ab, wie gut er mit physischen Klimarisiken umgeht – und wie viel ihn der Übergang zu einer kohlenstoffdioxidarmen Wirtschaft kostet.
Klimarisiken für Staaten lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen: physische Risiken und Transitionsrisiken.
Unter physische Risiken fallen Ereignisse wie zunehmende Extremwetterereignisse, steigende Meeresspiegel, chronische Hitzewellen oder Wasserknappheit. Länder wie Bangladesch, kleine Inselstaaten im Pazifik oder agrarlastige Volkswirtschaften in Subsahara-Afrika sind hier besonders exponiert. Infrastruktur wird beschädigt, Steuereinnahmen brechen ein, Ausgaben für Katastrophenschutz steigen – und mit ihnen die Staatsverschuldung.
Transitionsrisiken hingegen betreffen Staaten, deren Wirtschaft stark von fossilen Brennstoffen abhängt. Petrolstaaten wie Saudi-Arabien oder Russland, aber auch Länder mit kohleintensiver Industrie, stehen vor der Frage: Was passiert mit unseren Exporteinnahmen, wenn die Welt ernsthaft auf Netto-null umstellt?
Was sagt die Wissenschaft?
Nun, das Bild ist vielschichtig:
Die überwiegende Mehrheit der empirischen Untersuchungen kommt zu einem klaren Befund: Länder mit höherer Klimavulnerabilität zahlen höhere Risikoaufschläge (Spreads) auf ihre Staatsanleihen. Dieser Zusammenhang ist statistisch robust und gilt über verschiedene Methoden, Stichproben und Zeiträume hinweg.
Besonders interessant: Der Effekt ist nicht-linear. Länder mit sehr hoher Exposition gegenüber physischen Risiken – gemessen etwa am ND-GAIN Country Index oder ähnlichen Vulnerabilitätsmaßen – zahlen überproportional höhere Spreads.
Gleichzeitig zeigen Studien: Länder mit stärker diversifizierten Volkswirtschaften und guten institutionellen Strukturen können klimabedingten Risiken besser begegnen. Governance und Klimarisiko sind, das sollte Leserinnen und Leser meiner Sprechstunde nicht überraschen, miteinander verwoben.
Das große ABER – oder: Was der Markt (noch) nicht sieht
Und hier wird es interessant. Denn trotz zunehmender Evidenz preisen die Anleihemärkte Klimarisiken vermutlich nach wie vor unvollständig und inkonsistent ein.
Erstens fehlt es an standardisierten Daten. Klimavulnerabilität ist schwer zu messen – verschiedene Indizes kommen zu unterschiedlichen Einschätzungen über dieselben Länder. Was man nicht zuverlässig messen kann, kann man auch nicht konsequent einpreisen.
Zweitens dominieren kurzfristige Anreize. Anleihen mit dreißigjähriger Laufzeit wären eigentlich das ideale Instrument, um langfristige Klimarisiken abzubilden. In der Praxis orientieren sich Portfoliomanager aber häufig an kurzfristigen Benchmarks – und das Klima 2055 ist halt kein Thema für das Quartalsgespräch mit dem Vorstand.
Was heißt das nun für Investorinnen und Investoren?
Erstens: Klimarisiken sind kein ESG-Nischenthema mehr – sie sind Kreditrisiken. Wer Staatsanleihen aufbauend auf traditionellen Fundamentaldaten analysiert, ohne Klimavulnerabilität zu berücksichtigen, arbeitet mit einem unvollständigen Risikomodell.
Zweitens: Der Blick sollte nicht nur auf die Exposition, sondern auch auf die Anpassungskapazität gelenkt werden. Zwei Länder mit ähnlicher physischer Klimaexposition können völlig unterschiedliche Spreads rechtfertigen – wenn eines in Infrastruktur und Krisenresilienz investiert hat und das andere nicht.
Drittens: Besonderes Augenmerk verdienen Transitionsrisiken bei „fossilabhängigen“ Ländern. Die Energiewende ist kein fernes Szenario mehr – sie ist im Gange. Staatsanleihen von Petrolstaaten tragen ein strukturelles Risiko, das sich in den nächsten Jahren beschleunigen könnte.
Viertens: Es lohnt sich, in längere Laufzeiten zu schauen. Kurzfristige Staatsanleihen sind weniger von Klimarisiken betroffen. Wer dreißigjährige Papiere hält, sollte heute schon wissen, wie das Land in einer Welt mit zwei Grad mehr aussieht.
Fazit
Klimarisiken und Staatsanleihen – das ist keine akademische Spielerei. Es ist ein struktureller Risikotrend, der die Bondmärkte in den nächsten Jahrzehnten fundamental verändern wird. Die Märkte beginnen zu sehen, was Klimawissenschaftler seit Jahren zeigen. Aber sie sehen es noch verzerrt, selektiv und eventuell zu spät.
In diesem Sinne: Halten Sie Ihr eigenes Portfolio – und Ihre Gesundheit – gut diversifiziert und widerstandsfähig.
Bis zur nächsten Sprechstunde,
Ihr Dr. Spendig
