Analyse
10:15 Uhr, 01.09.2026

Das zweite Leben der DUOLINGO-Aktie

Duolingo galt an der Börse zeitweise als potenzielles Opfer der künstlichen Intelligenz. Wenn Chatbots kostenlos übersetzen, individuelle Übungen erstellen und Gespräche in Fremdsprachen simulieren können, wozu braucht es dann noch eine kostenpflichtige Lern-App?

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  • Duolingo - ISIN: US26603R1068 - Kurs: 148,360 $ (Nasdaq)

Evercore ISI hält diese Sorge inzwischen für überzogen. Analyst Mark Mahaney stuft die Aktie von "In Line" auf "Outperform" hoch und setzt das Kursziel auf 210 USD. Gegenüber dem Schlusskurs von 147 USD entspricht dies einem Potenzial von knapp 43 %.


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Duolingo betreibt eine spielerisch aufgebaute Lernplattform, deren Kern weiterhin Sprachkurse sind. Die Basisversion ist kostenlos und werbefinanziert, während Abonnenten zusätzliche Funktionen, werbefreies Lernen und KI-gestützte Gesprächsübungen erhalten. Daneben baut das Unternehmen Angebote für Mathematik, Musik und Schach auf. Das Geschäftsmodell beruht auf einer großen kostenlosen Nutzerbasis, von der ein Teil in kostenpflichtige Abonnements wechselt.

Mahaney sieht Duolingo trotz der technologischen Bedrohung als "hochwertiges Unternehmen". Grundlage seiner positiveren Einschätzung sind eine eigene Nutzerumfrage, Produktverbesserungen, aktuelle Daten zu den täglich aktiven Nutzern und jüngste Gespräche mit Marktteilnehmern. Evercore hebt die Gewinnschätzungen deutlich an. Für 2027 liegt die EPS-Prognose nun 10 % über dem Marktkonsens, für 2028 sogar 25 %.

KI wird vom Risiko zum Margentreiber

Die jüngsten Unternehmenszahlen stützen die These, dass KI Duolingo nicht verdrängt, sondern das Produkt verbessern und zugleich die Kosten senken könnte. Im zweiten Quartal stieg die Zahl der täglich aktiven Nutzer um 23 % gegenüber dem Vorjahr. Das Wachstum beschleunigte sich damit gegenüber dem ersten Quartal. Duolingo kommt inzwischen auf mehr als 60 Mio. täglich aktive Nutzer und strebt für 2028 die Marke von 100 Mio. an.

Besonders sichtbar wird der KI-Effekt bei der Funktion "Video Call", mit der Nutzer Gespräche in einer Fremdsprache üben können. Anfangs kostete ein solcher Anruf Duolingo nach Angaben von Vorstandschef Luis von Ahn rund 0,30 USD. Durch den Wechsel auf Open-Source-Modelle seien die Kosten inzwischen auf weniger als 0,01 USD gefallen, ohne dass Duolingo einen Qualitätsverlust feststelle.


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"Für viele Anwendungen brauchen wir nicht das absolut intelligenteste Modell", sagte von Ahn im Analystencall. Bei einem Anfänger, der erst 100 Wörter beherrsche, müsse das Modell schließlich keine philosophischen Debatten führen. Viele offene Modelle lägen bei der Leistungsfähigkeit lediglich drei bis sechs Monate hinter den führenden proprietären Systemen zurück. Duolingo nutzt weiterhin Modelle von OpenAI und Anthropic, will aber immer mehr Anwendungen auf günstigere offene Lösungen verlagern.

Damit dreht sich ein zentraler Teil der bisherigen Bärenthese um. Sinkende KI-Kosten erlauben es Duolingo, Gesprächsfunktionen einem größeren Nutzerkreis anzubieten. Video Call war ursprünglich dem teuersten Tarif Max vorbehalten, wird inzwischen aber zunehmend auch neuen Super-Abonnenten zur Verfügung gestellt. In den kommenden Monaten sollen Bestandskunden folgen. Von Ahn schließt sogar nicht aus, den Max-Tarif einzustellen oder künftig über Nutzungslimits von Super abzugrenzen.

Mehr Nutzer, später mehr Umsatz

Kurzfristig verzichtet Duolingo bewusst auf eine maximale Monetarisierung. Das Management will zunächst Reichweite und Nutzerbindung steigern. Die interne Kennzahl zur Nutzerbindung erreichte im zweiten Quartal einen Rekordwert. Allein eine Aktion zur Wiederherstellung unterbrochener Lernserien brachte mehr als 15 Mio. Nutzer zurück. Diese Gruppe weist laut Unternehmen eine bessere Bindung auf als gewöhnliche reaktivierte Nutzer.

Die höhere Reichweite schlägt jedoch nicht sofort auf den Umsatz durch. "Unsere Nutzer monetarisieren sich nicht unmittelbar", räumte von Ahn ein. Für 2026 erwartet Duolingo ein Buchungswachstum von 10 % bis 12 % und einen Umsatzanstieg von 15 % bis 18 %. Der freie Cashflow soll mehr als 375 Mio. USD erreichen. Ende des zweiten Quartals verfügte das Unternehmen über liquide Mittel und Anlagen von 1,3 Mrd. USD.

Parallel tastet sich Duolingo wieder stärker an die Monetarisierung heran. Längere kostenlose Testphasen erhöhen nach Unternehmensangaben sowohl die Nutzung als auch die Zahl der zahlenden Kunden. Mit "Super Lite" testet Duolingo zudem ein werbefinanziertes Abonnement, das je nach Markt ungefähr die Hälfte des regulären Super-Tarifs kostet. Auch das Werbegeschäft soll professioneller ausgebaut werden. Abonnements sollen jedoch auf absehbare Zeit die mit Abstand wichtigste Einnahmequelle bleiben.

Der Vergleich mit Netflix hat Grenzen

Evercore erinnert die Lage an Netflix im Jahr 2022. Nach einem Kurssturz von 70 % lösten der werbefinanzierte Tarif und die Einschränkung des Account-Sharings eine Kette aus beschleunigtem Umsatzwachstum, steigenden Margen und höheren Gewinnschätzungen aus. Mahaney sieht bei Duolingo eine ähnliche Chance auf eine operative Trendwende.

Der Vergleich hat allerdings Grenzen. Netflix war am damaligen Tiefpunkt mit etwa dem 15-Fachen des Gewinns deutlich günstiger und verfügte bereits über eine wesentlich größere wirtschaftliche Basis. Evercores Kursziel für Duolingo beruht dagegen auf dem 20-Fachen des für 2028 erwarteten EBITDA.

Fazit: Der Investmentcase steht und fällt mit der Fähigkeit, das starke Nutzerwachstum in zahlende Abonnements und Werbeerlöse zu übersetzen. Die jüngsten Daten zeigen, dass Duolingo im KI-Zeitalter nicht überflüssig geworden ist. Im Gegenteil: Gelingt es dem Unternehmen, KI-Funktionen zu stark sinkenden Kosten breit auszurollen, könnte aus der vermeintlichen Bedrohung der wichtigste Produkt- und Margentreiber werden. Die Duolingo-Aktie ist damit durchaus ein Comeback-Kandidat.

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Jahr 2025 2026e* 2027e*
Umsatz in Mrd. USD 1,04 1,21 1,37
Ergebnis je Aktie in USD 11,77 6,61 7,64
Gewinnwachstum -43,84% 15,58%
KGV 13 22 19
KUV 6,7 5,7 5,0
PEG neg. 1,24
Dividende je Aktie in USD 0,00 0,00 0,00
Dividendenrendite 0,00% 0,00% 0,00%
*e = erwartet, Berechnungen basieren bei
US-Unternehmen auf Non-GAAP-Daten
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