Aus dem ETF Magazin:''Säen und ernten''
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27. Oktober 2026. MÜNCHEN (ETF-Magazin). Es ist eine der großen Versuchungen an der Börse: Nach einem starken Anstieg wirkt der Markt überteuert, nach einem heftigen Einbruch scheint der nächste Absturz möglich. Also wird verkauft, Cash aufgebaut, abgewartet. Sobald die Lage wieder sicherer aussieht, kann dann der Wiedereinstieg erfolgen – natürlich mit viel günstigeren Kursen. In der Theorie klingt diese Strategie vernünftig. In der Praxis führen solche Versuche zu einer schlechteren Rendite als schlichtes Durchhalten.
Das versichert John Bilton, Anlagestratege bei der Fondsgesellschaft J.P. Morgan in London, und beruft sich auf seine Auswertung von Börsendaten der vergangenen Jahrzehnte. Bilton wirbt für einen nüchternen Ansatz: Anleger sollten nicht den Markt jagen, sondern mit einer tragfähigen Mischung aus Aktien, Anleihen und anderen Anlageklassen langfristig investiert bleiben. Er richtet sich damit gegen zwei typische Anleger-Reflexe: den Versuch, die Märkte punktgenau zu timen, und die Neigung, zu lange zu viel Geld schlecht verzinst liegen zu lassen. Seine Botschaft: Der schlimmste Anlagefehler ist nicht, gelegentlich falsch zu liegen, sondern nach Verlusten den langfristigen Anlageprozess zu unterbrechen.
Jäger und Bauer
Bilton beschreibt den Gegensatz mit einem Bild. Der Jäger hält stets Ausschau nach der nächsten Gelegenheit. Er will günstig einkaufen, rechtzeitig verkaufen, Risiken und Chancen erkennen, bevor andere sie sehen. Er hält Liquidität bereit, weil sich jederzeit ein guter Deal bieten könnte. Der Bauer denkt anders. Er kultiviert sein Vermögen über Jahre und akzeptiert, dass es zwischenzeitlich auch schlechte Ernten gibt. Er weiß, dass Märkte schwanken, Konjunkturzyklen enden und Krisen dazugehören. Die zentrale Leistung des Bauern besteht nicht darin, den nächsten Wendepunkt vorherzusagen, sondern einen robusten Prozess über lange Zeit durchzuhalten.
Das Bild ist bewusst zugespitzt. Markt-Timing kann zeitweise funktionieren. Wer vor einem Crash verkauft oder unmittelbar am Tief kauft, erzielt spektakuläre Ergebnisse. Das Problem: Solche Entscheidungen lassen sich kaum dauerhaft und reproduzierbar treffen. Schon die Wahrscheinlichkeit steht dem Erfolg im Weg. Erfolgreiches Timing erfordert schließlich immer zwei richtige Entscheidungen: Anleger müssen nicht nur den richtigen Ausstiegszeitpunkt finden, sondern auch den richtigen Wiedereinstieg. Die Bauer-Strategie erfordert nur eine Entscheidung.
Bilton unterlegt seine Botschaft mit Daten der vergangenen 25 Jahre bis Januar 2026. Er betrachtete also eine Phase, in der es am Aktienmarkt zu mehreren heftigen Kursrückgängen kam. Bilton verglich die Erträge eines einfachen Mischportfolios mit einem Geldkonto. Das Portfolio bestand dabei zu 60 Prozent aus einem Investment in den weltweit anlegenden Index MSCI ACWI und zu 40 Prozent aus einem Investment in den US Aggregate Bond Index, der US-Staats- und Unternehmensanleihen enthält. Als Proxy für das Geldkonto dienten US-Schatzwechsel (3-Monats-T-Bills).
Erstes Ergebnis der Untersuchung: In den vergangenen 25 Jahren wuchsen 100 Dollar im 60/40-Portfolio inflationsbereinigt auf 258 Dollar. Dieselben 100 Dollar in bar schnurrten real auf 86 Dollar zusammen. Ähnliches Ergebnis für den Euroraum: 100 Euro im 60/40-Portfolio wuchsen real auf 236 Euro, während heute Cash real nur noch 89 Euro wert ist. Selbst in Japan, einem Land mit langer Deflation, stiegen 100 Yen im Portfolio real auf 375 Yen, gegenüber 87 Yen in bar. Über lange Zeiträume vernichtet Inflation also die Kaufkraft der Barmittel, während ein diversifiziertes Portfolio reale Renditen erzielt.
Noch aufschlussreicher ist Biltons zweites Ergebnis: Auch bei der Betrachtung rollierender Zeiträume schnitt das diversifizierte Portfolio viel besser ab als Bargeld. Schon bei den rollierenden Einjahreszeiträumen lag das 60/40-Portfolio in 79 Prozent der Fälle vor Cash. Über rollierende Fünfjahreszeiträume war es so gut wie immer das profitablere Investment. Nur in drei Prozent der Fünfjahresperioden war Cash überlegen.
Bilton rechnete die Differenzrenditen zwischen dem 60/40-Portfolio und Cash für jeden rollierenden Einjahres- und Fünfjahreszeitraum im 25-Jahres-Fenster aus. Anschließend bildete er den Durchschnitt dieser annualisierten Differenzen. Resultat: Im Mittel lag das 60/40-Portfolio über Einjahressicht um 6,0 Prozentpunkte pro Jahr über Cash, über Fünfjahressicht um 5,3 Prozentpunkte.
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Hoher Preis
Diese Zahlen zeigen vor allem eines: Cash ist nicht risikolos. Zwar schwankt der Kontostand kaum, doch Inflation und entgangene Rendite können die reale Kaufkraft erheblich mindern. Wer langfristig Vermögen aufbauen will, trägt mit einer großen, dauerhaft gehaltenen Cashposition ein anderes Risiko als mit Aktien: das Risiko, das Renditeziel zu verfehlen.
Das gilt besonders in Phasen sinkender oder niedriger Geldmarktzinsen. Kurzfristig mag Liquidität attraktiv erscheinen, weil sie Sicherheit vermittelt und nach einem Börsenrückgang zum Einstieg bereitsteht. Langfristig kann die Strategie jedoch teuer werden, wenn die erwartete Korrektur ausbleibt oder der Markt bereits steigt, während der Anleger noch auf das vermeintlich günstigere Niveau wartet.
Biltons Ergebnisse sind überzeugend, aber dennoch kein Freibrief für bedingungsloses Vollinvestiertsein. Ein 60/40-Portfolio ist nicht für jeden Anleger, jeden Horizont und jedes Marktregime optimal. Die Referenzallokation für die Berechnungen nutzt zudem den globalen Aktienindex MSCI ACWI und einen US Aggregate Bond-Index – für Euro-Anleger stellen sich damit Fragen nach Währungsrisiko, Absicherung und der passenden Anleihen-Benchmark. Auch Kosten, Steuern und die konkrete ETF-Umsetzung können die erzielbare Rendite verändern.
Zudem ist das zurückliegende Vierteljahrhundert ein besonderer Zeitraum. Die kommenden 25 Jahre können anders verlaufen: mit höherer Inflation, höheren Anleihenrenditen und niedrigeren Bewertungsreserven bei Aktien. Trotzdem bleibt die zentrale Erkenntnis belastbar: Die Kosten einer dauerhaften Unterinvestition sind oft höher als Anleger intuitiv annehmen.
Bilton räumt in diesem Zusammenhang ein, dass die aktuell hohe Bewertung vieler Aktien die erwartete Rendite mindern könnte. Er warnt aber davor, dies als Timing-Signal zu interpretieren. „Anleger nennen zurzeit häufig die hohen Bewertungen der Aktien als Grund dafür, dass sie an Barmitteln festhalten. Aber auch wenn hohe Bewertungen die erwarteten Renditen belasten, liefern sie kein zuverlässiges Signal für den Zeitpunkt einer Marktkorrektur“, sagt Bilton.
Fünf-Punkte-Plan
Daraus folgt: Bewertungen dürfen die langfristigen Renditeannahmen beeinflussen, nicht aber den kurzfristigen Handelsimpuls. Wer vorsichtiger werden will, steuert das Risiko über eine langfristige Zielallokation, Rebalancing-Regeln oder eine breite Diversifikation – ähnlich wie es die inzwischen bei mehreren Anbietern verfügbaren Portfolio-ETFs tun (s. nächste Seite). Gut umsetzen läßt sich Biltons Strategie auch mit einer Handvoll preiswerter und breit gestreuter ETFs auf Aktien- und Anleiheindizes. Sinnvoll sind dabei die folgenden fünf Schritte:
Belastbare Zielallokation definieren: Ausgangspunkt sind Anlagedauer, Renditeziel, Verlusttragfähigkeit und persönliche Verpflichtungen. Entscheidend ist nicht die theoretisch renditestärkste Mischung, sondern jene, die sich auch in einer Krise durchhalten läßt.
Liquidität planen: Notgroschen, geplante Ausgaben und kurzfristige Entnahmen gehören nicht in Aktien. Darüber hinausgehend geparktes Geld sollte aber einen klaren Zweck haben – und nicht bloß Ausdruck diffuser Unsicherheit sein.
Global und kosteneffizient diversifizieren: Aktien, Anleihen und gegebenenfalls weitere Renditequellen reduzieren die Abhängigkeit von einzelnen Regionen, Branchen oder Konjunkturszenarien. Das 60/40-Modell ist dabei ein Referenzpunkt, kein Naturgesetz. Wer mehr Schwankungen aushält und/oder einen langen Anlagehorizont hat, wählt ein Verhältnis von 70 zu 30. Auch Allokationen von 60 Prozent Aktien, 25 Prozent Anleihen und 15 Prozent Gold/Rohstoffe werden von Strategen empfohlen.
Regelmäßiges Rebalancing: Wenn Aktien stark steigen oder fallen, verschiebt sich die Risikostruktur eines Portfolios. Regelmäßiges oder schwellenbasiertes Rebalancing zwingt dazu, systematisch Risiken zurückzuführen und antizyklisch zu handeln.
Prognosen begrenzen, Prozesse stärken: Niemand kann dauerhaft zuverlässig Wendepunkte vorhersehen. Ein schriftlicher Anlageplan, feste Überprüfungsintervalle und vorher definierte Regeln für Einzahlungen, Entnahmen und Umschichtungen sind wertvoller als tägliche Marktmeinungen.
Ähnlich sieht das auch Bilton. Sein erfolgreicher Bauer ist niemand, der sein Depot vergisst. Der Bauer beobachtet, prüft und passt an. Er reagiert aber nicht auf jeden Alarm mit Umschichtungen. Seine Stärke ist die Disziplin und die Kraft, strategische Entscheidungen nicht von Angst oder Euphorie überrollen zu lassen. Vielleicht ist das sowieso die nüchternste Börsenweisheit überhaupt: Wichtigster Erfolgsfaktor beim Vermögensaufbau ist die Fähigkeit, einen guten Plan lange genug durchzuhalten.
Konsequente Umsetzung
Aktien und Anleihen mit einer festen Allokation in einem einzigen ETF haben inzwischen mehrere Fondsgesellschaften im Regal. Amundi, J.P. Morgan, Vanguard und Xtrackers bieten jeweils drei bis vier Varianten solcher Portfolio-ETFs, die sich durch die Höhe ihrer Aktienquote unterscheiden. Gut vergleichbar sind die Portfolio-ETFs mit einer Zielquote von 60 Prozent Aktien. Alle investieren breit in globale Aktien sowie in Staats- und Unternehmensanleihen. Im Detail sind jedoch Unterschiede erkennbar: Regionale Schwerpunkte, Rohstoffe oder aktive Anpassungen sorgen für Differenzierung.
Der Vanguard LifeStrategy 60% Equity ETF verfolgt ganz konsequent seine Ziel-Allokation von 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen. Dabei hält der ETF ein Portfolio, das klar nach Marktkapitalisierung gewichtet ist. US-Papiere haben deshalb das höchste Gewicht, wobei auf der Anleihenseite Währungsrisiken weitgehend abgesichert werden. Vanguard nimmt keine taktischen Marktprognosen vor und stellt die Zielquoten regelmäßig wieder her.
Der Xtrackers Diversified Portfolio 60% Equity ETF hält etwa 60 Prozent Aktien, 35 Prozent Anleihen und eine kleine Goldposition von fünf Prozent. US-Aktien sind am stärksten vertreten, ergänzt durch Titel aus vielen anderen Industrie- und Schwellenländern. Auf der Rentenseite dominieren globale Anleihen, bei denen jedoch Währungsrisiken für Euro-Anleger weitgehend abgesichert werden.
Der Amundi Multi-Asset Portfolio ETF hält sogar zehn Prozent Rohstoffe, neben 60 Prozent Aktien und 30 Prozent Anleihen. Einmal jährlich wird auf diese Ausgangsgewichtung zurückgesetzt. Das Portfolio hat starken Heimatmarktbezug, mit vielen Aktien aus Europa und Deutschland sowie europäischen Anleihen. Zu den größeren Aktienbausteinen zählen STOXX Europe, S&P 500, Schwellenländer, DAX und MDAX. Die Rohstoffkomponente bildet einen Bloomberg-Rohstoffindex ab.
J.P. Morgan zielt bei seinem aktiv gesteuerten Strategic Allocation Moderate Active ETF ebenfalls auf eine neutrale Gewichtung von 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen. Das Management kann innerhalb dieses Rahmens je nach Markteinschätzung zwischen Industrie- und Schwellenländern umschichten, ebenso die Gewichte von Staats- und Unternehmensanleihen oder Hochzinsanleihen verändern. Abgebildet werden die verschiedenen Segmente aktuell über Investments in 14 aktive ETFs von J.P. Morgan.
Ebenfalls in Aktien und Anleihen investieren drei Multi-Asset-ETFs von iShares und zwei Portfolio-ETFs von Xtrackers – allerdings ohne exakt definierte Allokation und starre Zielgewichte. Sie werden aktiv gesteuert und investieren in passende iShares- bzw. Xtrackers-ETFs. Beim iShares Moderate Portfolio ETF kommen Aktien zurzeit auf 42 Prozent. Der Xtrackers Portfolio ETF hält 57 Prozent Aktien.
Ausgewogene Multi-Asset-ETFs
Mehrere Gesellschaften bieten heute ETFs mit zwei bis drei Anlageklassen und fest definierter Gewichtung in einem Portfolio. Nur beim iShares Moderate Portfolio schwankt die Aktienquote.
| Name | ISIN | Kosten p.a. in% |
Volumen Mio. Euro |
Auflage- datum |
Wertsteig. 6 Mon. in % |
Wertsteig. 1 Jahr in % |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Amundi Multi-Asset Portfolio | <DE000ETF7011> | 0,43 | 267 | 12.04.16 | 8,3 | 18,5 |
| iShares Moderate Portfolio | <E00BLLZQS08> | 0,25 | 47 | 08.09.20 | 5,4 | 10,6 |
| JPM Strategic Allocation Moderate Active | <IE000TWAN2K7> | 0,35 | 7 | 21.01.26 | 5,5 | n.v. |
| Vanguard LifeStrategy 60% Equity | I<E00BMVB5P51> | 0,25 | 926 | 08.12.20 | 6,4 | 12,9 |
| Xtrackers Diversified Portfolio 60% Equity | <LU3116008692> | 0,24 | 4 | 29.01.26 | 6,4 | n.v. |
Von Uli Kühn, Oktober 2026, © ETF Magazin
Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ETF Magazins, dem Fachjournal für Profis und informierte Anleger*innen.
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