Kommentar
11:51 Uhr, 13.01.2026

Aus dem ETF Magazin: "Laufende Einnahmen"

Eine neue ETF-Variante zielt auf planbare Erträge und hohe Ausschüttungsrenditen – auch wenn am Aktienmarkt Flaute herrscht. Doch das Versprechen hat seinen Preis.

13. Januar 2025. MÜNCHEN (ETF Magazin). Nach drei Jahren Hausse könnte der Börse im neuen Jahr die Puste ausgehen. Wer dieses Szenario für wahrscheinlich hält, sollte sich jetzt die seit etwa zwei Jahren verfügbaren Income-ETFs ansehen. Mit klassischen Dividenden-ETFs haben diese ETFs, trotz mitunter ähnlicher Namensgebung, wenig gemeinsam. Income-ETFs setzen nicht auf Dividenden als Ertragsquelle, sondern kombinieren Aktieninvestments mit einer Covered-Call-Strategie – um so regelmäßige Einnahmen zu generieren. Das Prinzip ist einfach: Der ETF kauft Aktien eines Index – etwa aus dem S&P-500 dem MSCI World oder dem Dax – und verkauft gleichzeitig Kaufoptionen auf diese Aktien. Die dabei vereinahmten Optionsprämien landen dann als Zusatzeinnahme im ETF-Vermögen.

Ausschüttungsrenditen von 10 Prozent sind dabei keine Seltenheit. Selbst in Seitwärtsphasen oder leicht fallenden Märkten sorgen die Prämien für laufende Erträge. „Covered-Call-ETF-Strategien können hohe Erträge erzielen und die Risikodiversifikation im Portfolio verbessern“, wirbt Alexander Roll, Investment Strategist beim ETF-Anbieter Global X, der in Europa und den Vereinigten Staaten mehrere Covered-Call-ETFs aufgelegt hat. Das klingt verlockend, doch ein „free lunch“ sind diese Strategien nicht: Durch die Optionsstrategie werden zwar Schwankungen gedämpft, gleichzeitig jedoch die Gewinnchancen begrenzt. Bei starken Kurseinbrüchen sind auch Verluste möglich.

Covered-Call-ETFs eignen sich daher vor allem für Anlegerinnen und Anleger, die planbare Erträge anstreben und dafür bereit sind, auf einen Teil des Aufwärtspotenzials des Aktienmarkts zu verzichten. Vor allem in stagnierenden Börsenphasen versprechen Income-ETFs ein willkommenes Plus. „In Marktumfeldern, in denen Einkommen knapp wird, können Covered-Call-ETF-Strategien für langfristig orientierte Investoren hilfreich sein“, versichert Roll.

Eine Covered-Call-Strategie kombiniert den Besitz von Aktien mit dem Verkauf von Kaufoptionen auf genau diese Werte. Der Anleger oder Fonds hält also ein Aktienportfolio („covered“) und verkauft parallel dazu Call-Optionen auf diese Aktien. Der Käufer der Option erhält das Recht, die Aktie zu einem vorher festgelegten Preis – dem sogenannten Strike – zu kaufen. Für dieses Recht bezahlt er oder sie dem Verkäufer eine Prämie. Diese Prämien stellen die Einkommensquelle der Strategie dar.

Solange der Aktienkurs unter dem Strike-Preis bleibt, verfällt die Option wertlos – der Fonds kassiert die vereinnahmte Prämie und behält die Aktie. Steigt der Kurs über den Strike, wird die Aktie aus dem Portfolio „abgerufen“, also verkauft. Dadurch sind die Gewinnchancen nach oben begrenzt, aber der Verkäufer hat zuvor die Optionsprämie vereinnahmt. Dieser Ertrag entsteht unabhängig davon, ob die Aktien steigen oder stagnieren.

Clevere Idee

Genau hier liegt der Unterschied zu klassischen Dividendenstrategien: Während Dividenden von den Gewinnen der Unternehmen abhängen, stammen die Erträge bei Covered Calls aus den Optionsmärkten. Je höher die erwartete Schwankung (Volatilität) der Märkte, desto höher fallen typischerweise auch die vereinnahmten Prämien aus. Deshalb können Covered-Call-ETFs in volatilen Marktphasen besonders attraktive Ausschüttungen bieten. „In volatilen Märkten können Covered-Call-Strategien höhere Einkommen erzielen, da die Optionsprämien historisch gesehen mit der impliziten Volatilität des zugrunde liegenden Wertpapiers korrelieren“, erklärt Roll.

In ruhigen oder leicht fallenden Märkten stabilisieren die Optionsprämien die Rendite. Bei kräftigen Aufwärtsbewegungen hingegen hinkt die Strategie hinterher, weil die verkauften Calls die Kursgewinne kappen. Dafür kann der Anleger in schwächeren Marktphasen besser schlafen: Die Prämien wirken wie ein kleiner Puffer gegen Kursverluste.

Aus dem Zusammenspiel von Aktienbesitz und regelmäßigem Optionsverkauf resultieren also nicht spektakuläre Gewinne, dafür jedoch stetiges Einkommen. Bei Covered-Call-ETFs erfolgt der Optionsverkauf in der Regel systematisch und meist monatlich, um gleichmäßige Ausschüttungen zu erzielen. Der Vorteil für Anleger: Die Strategie ist im ETF verpackt, funktioniert automatisch und ohne den Aufwand, selbst mit Optionen handeln zu müssen. Das macht Covered-Call-ETFs zu einem praktischen Werkzeug für Anleger, die regelmäßige Erträge wünschen und mit begrenztem Aufwärtspotenzial leben können.

Gefragte Fonds

Zu den größten Covered-Call-ETFs zählen die Premium Income ETFs von J.P. Morgan. „Unsere Equity Premium Income ETFs sind auf laufende Erträge ausgelegt“, erklärt Piera Elisa Grassi, Lead Portfolio Managerin bei J.P. Morgan Asset Management in London. Um dieses Ziel zu erreichen, kombiniere das Fondsmanagement ausgewählte „defensive und substanzstarke Aktien“ mit einer systematischen Optionsstrategie. „Ziel ist es, regelmäßige Erträge zu generieren – aktuell zwischen 7 und ) Prozent pro Jahr. Gleichzeitig bleibt die Volatilität reduziert, denn wir investieren breit diversifiziert nur in die solide Kernsubstanz des Aktienmarkts“, versichert Grassi.

Die Income-ETFs von J.P. Morgan sind aktiv verwaltet und orientieren sich an breiten Indizes, ohne diese exakt nachzubilden. So ist der J.P. Morgan US Equity Premium Income ETF am S&P 500 Index ausgerichtet, der JPM Global Equity Premium Income ETF orientiert sich am MSCI World Index. „Wir investieren nicht rein indexbasiert, sondern aktiv innerhalb des Marktes, den wir als Benchmark verwenden. Der Vergleichsindex dient zur Orientierung – die Portfoliozusammenstellung selbst erfolgt researchbasiert“, erläutert Grassi. Der ETF hält typischerweise achtzig bis einhundertzwanzig Aktien aus dem S&P-500-Universum, gewichtet sie aber nach Qualitäts- und Bewertungsfaktoren. Über Equity Linked Notes werden zusätzlich aus dem Geld liegende Calls auf den S&P 500 verkauft, um Prämieneinnahmen zu generieren.

Damit unterscheidet sich J.P. Morgans Income-ETF von rein passiven Covered-Call-ETFs wie dem Global X S&P 500 Covered Call ETF, der keine Index-Titel aussondert. Der Global-X-ETF verkauft monatlich at-the-money-Call-Optionen auf den S&P-500-Index. So erzielt er Prämien, die in der Regel 7 bis 10 Prozent Ertrag pro Jahr bringen. Der ETF verzichtet auf aktives Management und passt seine Optionsverkäufe auch nicht an Marktphasen an. In starken Aufwärtsmärkten bleibt der Global-X-ETF daher zwangsläufig hinter dem Index zurück, bietet dafür jedoch eine höhere Berechenbarkeit. Das gleiche Prinzip verwenden weitere Covered-Call-ETFs von Global X. Diese verkaufen Optionen auf den Nasdaq-100-Index, den Euro-Stoxx-50 und – ganz neu – auch auf den DAX-Index.

Ebenfalls rein passiv, aber etwas komplexer und volatiler, sind die Covered-Call-ETNs von Leveraged Shares. Der junge ETN-Anbieter schreibt bei seinen IncomeShares für den S&P-500- und den Nasdaq-100 sogenannte Zero-DTE-Optionen. Diese ultrakurzen Optionen laufen meist am selben Handelstag aus, wodurch nahezu täglich Optionsprämien entstehen. Die Ausschüttungen sind entsprechend hochfrequent. Neben den ETNs für die beiden US-Indizes hat Leveraged Shares auch Covered-Call-ETNs für einzelne Aktien im Programm, etwa für Nvidia, Tesla oder Apple.

Zwei ETFs von Rex Tech nutzen die Optionsstrategie für Technologie-Aktien. Der Rex Tech Innovation Premium Income ETF hält ein Portfolio aus großen Tech-Aktien und verkauft systematisch Call-Optionen auf alle Aktien. Der Rex Tech Innovation Income & Growth ETF verkauft nur auf etwa die Hälfte des Portfolios Kaufoptionen. Die andere Hälfte bleibt voll am Kurswachstum beteiligt, ohne Call-Verkäufe.

Erprobte Stategie

Income- oder Covered-Call-ETFs werden in Deutschland erst seit etwa zwei Jahren angeboten. Im reiferen US-amerikanischen ETF-Markt sind sie schon etwas länger verfügbar – was interessante Rückschlüsse zulässt. So stieg in den USA in den Jahren 2022 und 2023 die Nachfrage nach diesen Strategien rasant an. Viele suchten offensichtlich Alternativen zu zinsschwachen Anleihen. Das Konzept überzeugte viele, die Wert auf monatliche Ausschüttungen legen. Der J.P. Morgan Equity Premium Income ETF wurde zum Bestseller: Allein 2022 flossen über 12 Milliarden Dollar in den ETF – ein Rekord für einen aktiv gemanagten ETF. Auch Global X verzeichnete im US-Geschäft kräftige Zuflüsse.

Doch so beliebt die Strategien sind, sie stoßen auch auf Kritik. Benn Eifert, Co-CIO des Hedgefonds QVR Advisors, warnt vor einem unkritischen Hype: „Systematisch blind Optionen zu verkaufen, ist eine schlechte Idee. Es ist deutlich schlechter als Aktienbesitz“, schrieb er auf der Plattform X. Der Optionsverkauf funktioniere heute nicht mehr so gut wie früher, weil zu viele Fonds dasselbe tun – und so die erzielbaren Prämien senken. Eifert verweist auf die langfristige Renditelücke zwischen Covered-Call-ETFs und herkömmlichen Indexfonds. Die ist in der Tat beträchtlich. Während der US-amerikanische Global X S&P 500 Covered Call ETF (XYLD) in den vergangenen fünf Jahren einen Gesamtertrag von rund 55 Prozent erzielte, kam der Vanguard S&P 500 ETF (VOO) im gleichen Zeitraum auf 117 Prozent. Auch der Premium-Income-ETF von J.P. Morgan blieb in diesem Zeitraum mit einem Gesamtergebnis von 63 Prozent unter der Rendite des S&P 500, obwohl er dank seiner rigiden Aktienauswahl besser abschnitt als viele Konkurrenten.

Das zeigt: Wer maximale Wertentwicklung sucht, ist mit klassischen Indexfonds besser beraten. Das Ziel der Income-ETFs sind dagegen regelmäßige Ausschüttungen bei moderatem Risiko – kein Überflieger-Portfolio. In den schwierigen Börsenjahren 2022 und 2023 zeigten sie auftragsgemäß auch tatsächlich Stärke. Insbesondere J.P. Morgans US Equity Income ETF brachte in dieser Zeit mehr Rendite als der Aktienmarkt.

So gesehen sind die Income-ETFs kein Ersatz für breit gestreute Aktienportfolios – aber sie können eine sinnvolle Ergänzung sein. Vor allem Anleger, die regelmäßig Erträge suchen und dafür bereit sind, auf hohe Kurschancen zu verzichten, dürften interessiert sein. Die Strategie entfaltet ihre Stärke in ruhigen oder leicht schwankenden Märkten, wenn stetige Prämieneinnahmen zählen. In Phasen kräftiger Aufwärtsbewegungen bleibt die Rendite naturgemäß zurück. Im Crash können auch diese ETFs nicht vollständig vor Verlusten schützen. Covered-Call-ETFs liefern kein „sicheres Einkommen“, aber eine planbare Ertragsquelle mit klaren Grenzen.

Do it yourself

Mit Eurex-ETF-Optionen können versierte Investoren ihre eigene Covered-Call-Writing-Strategie fahren. ETF-Optionen gibt es für mehr als 40 ETFs und ETCs. Auf der Aktienseite gibt es Optionen für zahlreiche ETFs, die bekannte Indizes wie den MSCI World, S&P 500, MSCI Emerging Markets oder MSCI Europe abdecken. Auch für Branchen-ETFs und ETFs mit Nachhaltigkeitsfilter sind Optionen verfügbar. Gehandelt werden auch Optionen für Anleihen-ETFs und Rohstoff-ETFs bzw. ETCs. Mit diesen Optionen können Anleger zusätzliche Erträge erzielen, vor allem wenn sie mit stabilen oder leicht sinkenden Kursen des Basiswerts rechnen.

Ein Beispiel: Ein Investor hat 100.000 iShares MSCI China A ETFs zum Kurs von 4 Euro und entscheidet sich, diese durch eine Call-Option zu verkaufen. Er verkauft 100.000 Call-Optionen mit einem Ausübungspreis von 4,25 Euro und erhält dafür 0,45 Euro pro Option. Durch den Verkauf der Call-Optionen nimmt er also eine Prämie von insgesamt 45.000 Euro ein. Wenn der Schlusskurs des ETFs am Ende der Laufzeit der Option über 4,25 Euro liegt, wird die Option ausgeübt und 100.000 ETFs werden an den Käufer des Calls zum Preis von 4,25 Euro geliefert.

Der Break-even-Punkt für den Optionsverkäufer liegt bei 4,45 Euro, was sich aus dem Ausübungspreis und der erhaltenen Optionsprämie ergibt. Falls der Schlusskurs des Basiswerts am Laufzeitende der Option unter 4,00 Euro liegt, verfällt die Option wertlos. In diesem Fall würde der Verkäufer der Optionen seine ETF-Position behalten und könnte sich über die erhaltene Optionsprämie von 45.000 Euro freuen.

Von Uli Kühn, Dezember 2025, © ETF Magazin

Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ETF Magazins, dem Fachjournal für Profis und informierte Anleger*innen.