Aus dem ETF Magazin: "Gefragte Strategien"
- Lesezeichen für Artikel anlegen
- Artikel Url in die Zwischenablage kopieren
- Artikel per Mail weiterleiten
- Artikel auf X teilen
- Artikel auf WhatsApp teilen
- Ausdrucken oder als PDF speichern
18. August 2026. MÜNCHEN (ETF Magazin). Zu USA-lastig, nicht wirklich „den Markt“ abbildend, ignorant gegenüber Investorenbedürfnissen: Es gibt schon ein paar Punkte, die man bei klassischen ETFs bemängeln kann. Aktive ETFs wollen besser sein – und ziehen mit ihrem Versprechen richtig Geld an. Das Vermögen europäischer aktiver ETFs hat sich seit Ende 2024 nahezu verdoppelt. Über 400 aktive ETFs werden heute an Xetra gehandelt. Doch unter das Label fällt ein ganzes Sammelsurium unterschiedlicher Konzepte. Noch steckt das meiste Geld in diskretionären Strategien. Doch systematische Strategien werden bei Anlegerinnen und Anlegern immer beliebter – nicht ohne Grund.
Aktive ETFs haben fast immer das gleiche, klare Ziel: Sie wollen mehr Rendite als ihr Vergleichsmarkt erzielen. Morningstar unterscheidet bei aktiven ETFs zwischen systematischen und diskretionären Ansätzen. Diskretionäre aktive ETFs sind am weitesten von klassischen ETFs entfernt. Ein Fondsmanager entscheidet selbstständig, welche Wertpapiere gekauft oder verkauft werden. Systematische ETFs bleiben hingegen nah an einer Benchmark und investieren streng regelbasiert. In der Welt der europäischen aktiven ETFs dominiert derzeit ganz klar der diskretionäre Ansatz. Ende März 2026 stand dieser für drei Viertel des in aktiven ETFs gehaltenen Vermögens, wie Morningstar-Analystin Natalia Wolfstetter berichtet.
Diese Schiefe basiert bislang wesentlich auf dem Strategieschwerpunkt des größten Anbieters aktiver ETFs in Europa. Das US-Haus J.P. Morgan Asset Management (JPM) verwaltet 44 Prozent des Vermögens aller aktiven ETFs in Europa. Laut Morningstar fährt JPM zu 100 Prozent einen diskretionären Ansatz. Auch Fidelity und Pimco verfolgen ausschließlich solche Konzepte. Auf systematische Strategien konzentrieren sich dagegen Dimensional Fund Advisors und Avantis – und setzen damit vielleicht auf den Trend der Zukunft.
Im Bereich der Aktien-ETFs hatten schon im vergangenen Jahr systematische Strategien höhere Mittelzuflüsse als ihre diskretionären Pendants. Im laufenden Jahr scheinen die Systematiker ihren Vorsprung auszubauen. Im ersten Quartal buchten systematische Aktienfonds in Europa Mittelzuflüsse in Höhe von drei Milliarden Euro, diskretionäre nur 872 Millionen Euro. „Die zunehmende Verbreitung systematischer Aktienanlagen verdeutlicht den Wandel bei Kundenpräferenzen und Produktgestaltung“, bemerkt Wolfstetter.
Neue Mitspieler
Avantis startet gerade mit dem Avantis Global Equity. „Ein klassischer Indexfonds gewichtet Wertpapiere nach Marktkapitalisierung. Erwartete Renditen werden nicht berücksichtigt. Das ist bei uns anders“, erklärt Avantis-CIO Eduardo Repetto. Avantis versuche nicht, einen Index exakt abzubilden – denn der Index sei nicht die „richtige Strategie“. Stattdessen werden eigene Modelle entwickelt. Deren Kennzeichen: hohe Diversifikation durch tausende Namen, Gewichtung nicht strikt nach Marktkapitalisierung und eine Übergewichtung von Wertpapieren mit höheren erwarteten Renditen – Unternehmen mit starken Bilanzen, Cashflows und relativ niedrigen Preisen. Untergewichtet oder ausgeschlossen würden Adressen mit schwachen Bilanzen, hohen Verbindlichkeiten, niedrigen Cashflows, operativen Verlusten und sehr hoher Bewertung. Das Ergebnis dieser Systematik seien meist Renditen über dem Marktdurchschnitt: „So hat etwa unsere Strategie für Schwellenländer über sechs Jahre den Index um zwei Prozentpunkte pro Jahr übertroffen“, versichert Repetto.
Sein früherer Arbeitgeber, der US-amerikanische Asset Manager Dimensional, setzt schon seit Anfang der 1980er Jahre auf systematische, indexnahe Strategien, seit 2020 auch im ETF-Mantel. Mit mehr als 200 Milliarden US-Dollar ETF-Vermögen und gut 40 ETFs ist die Gesellschaft in den Vereinigten Staaten dort nach eigenen Angaben der größte Anbieter aktiver ETFs. In Europa ist Dimensional seit 2025 mit drei ETFs vertreten.
„Mehr als nur Indexing“, laute das Dimensional-Motto erklärt Savina Rizova, Co-Chief Investment Officer von Dimensional Fund Advisors im Interview mit dem ETF Magazin. Dimensional vertraue dabei nicht auf Fondsmanager mit subjektiven Prognosen. Stattdessen sei die Anlagestrategie systematisch, evidenzbasiert und wiederholbar. Dimensional-Fonds „streben Mehrrenditen gegenüber dem breiten Markt durch Übergewichtung von Faktoren an, die durch solide theoretische und empirische Forschung identifiziert wurden und höhere Renditen erwarten lassen“, erklärt Dimensional etwas sperrig auf seiner Web Site.
„Unsere ETF-Konzepte sind Ergebnis der Forschungen verschiedener Nobelpreisträger, etwa Eugene Fama“, vereinfacht Rizova. Die ETFs von Dimensional basierten auf jahrzehntelangen Datenreihen und Erkenntnissen aus der Wissenschaft. Dazu gehöre die Erkenntnis, dass kleine Unternehmen langfristig höhere Renditen abwerfen als große Titel, dass Value-Aktien langfristig mehr bringen als Growth-Werte und dass Unternehmen mit hoher Profitabilität auch an der Börse gut laufen. Dimensional ETF setzen diese Überzeugungen um, indem sie kleine Aktien und Value-Titel übergewichten, genauso wie Unternehmen mit hoher Rentabilität.
Bewährte Faktoren
Ähnlich ist das Konzept des Invesco Global Enhanced Equity ETFs und des Invesco Quantitative Strategies ESG Global Equity Multi-Factor ETF. „Enhanced Indexing“, nennen die Invesco-Strategen ihren Ansatz. „Wir bleiben ganz nah am Index und setzen nur kleine Über- und Untergewichte. So erreichen wir eine Outperformance bei sehr geringem Tracking Error“, erklärt Erhard Radatz, Global Head of Portfolio Management bei Invesco Quantitative Strategies in Frankfurt.
Der ETF werde nicht nach Bauchgefühl gesteuert, sondern folge einem systematischen, faktororientierten Investmentprozess. „Der größte Feind des Investierens sind Emotionen. Das heißt, wir nehmen die Emotionen komplett raus“, sagt Radatz. Das Research- und Portfoliomanagement-Team bleibe jedoch für Modellpflege, Signalprüfung und Portfoliokonstruktion verantwortlich und behalte sich vor, notfalls manuell einzugreifen. Der systematische Ansatz der beiden ETFs fokussiert auf die drei Faktoren Value, Quality, Momentum und risikoparitätische Gewichtung. Rund 30 Kennzahlen werden für das Modell ausgewertet. Ziel ist langfristig etwa ein Prozent Outperformance pro Jahr bei gleichbleibendem Risiko.
Auch bei den Alpha Enhanced ETFs von BNP Paribas beschränken sich die Fondsmanager auf Prozess-Überwachung, Risikosteuerung und Umsetzung der systematischen und quantitativ gesteuerten Strategie. Und auch diese Strategie vertraut auf wissenschaftlich identifizierte Renditefaktoren. „Wir kombinieren die Faktoren Value, Quality, Momentum und Low Volatility“, berichtet Carmine de Franco, Leiter des Quantitativen Aktien-Teams bei BNP Paribas Asset Management. Ziel: kleine, kontrollierte Abweichungen vom Index, die konsistente Mehrerträge von 0,25 bis 0,75 Prozentpunkten pro Jahr ermöglichen.
Ähnliche quantitative Ansätze gibt es von iShares und HSBC. Im Rentenbereich spielen systematische Ansätze bislang keine nennenswerte Rolle. „Aktive Renten-ETFs werden überwiegend diskretionär verwaltet“, berichtet Wolfstetter. Systematische Anleihestrategien bieten nur wenige, etwa BNP Paribas und die DekaBank. Deren Deka Active EUR High Yield siebt systematisch Emittenten mit erhöhter Ausfallwahrscheinlichkeit heraus. Basis sind eigene Modelle zur Kreditrisikobewertung. Der BNP Paribas verwendet bei zwei Unternehmensanleihen-ETFs ein ähnliches Multi-Faktor-Modell wie im Aktienbereich.
Nicht umsonst
Aber lohnen sich systematische ETFs überhaupt? Die laufenden Kosten aktiver ETFs liegen zwar weit unter den Kosten klassischer aktiv gemanagter Investmentfonds. Aber sie liegen eben auch klar über denen herkömmlicher ETFs. Das gilt sowohl für aktive ETFs mit diskretionärer als auch mit systematischer Strategie. Immerhin: Tendenziell sind systematische aktive ETFs etwas preiswerter als diskretionäre aktive ETFs. Die Verwaltungskosten der systematischen aktiven ETFs liegen meist im Bereich von 0,2 Prozent.
Schwieriger als der Kostenvergleich ist die Beurteilung der Performance, da die meisten dieser ETFs noch nicht sehr lange an den europäischen Börsen notieren. Das ETF-Analysehaus Xenix hat die Performance einiger aktiver Welt-ETFs verglichen, darunter ein „wirklich aktiver“ diskretionärer ETF, mehrere systematische ETFs sowie passive MSCI World ETFs. Die Bilanz der systematischen ETFs fiel dabei gar nicht so schlecht aus. So schaffte der Avantis Global Equity ETF auf Zwölfmonatssicht ein Kursplus von 29 Prozent. Fast ebenso gut entwickelte sich der Invesco Quantitative Strategies ESG Global Equity Multi-Factor ETF. Damit schlugen sie sowohl den diskretionären J.P. Morgan Global Research Enhanced Index Equity ETF (24 Prozent Plus), als auch passive ETFs für den MSCI-World-Index, der um knapp 25 Prozent zulegte.
„Die Performance-Werte hängen aber stark von der betrachteten Periode und vom Stichtag ab“, räumt Thomas ein und rät bei allen aktiven ETFs die Rendite-Versprechen der Anbieter kritisch zu hinterfragen. Nicht selten seien zudem die Portfoliomanagementkonzepte der aktiven ETFs schwer zu verstehen. Auch bei den Kosten sollte man genau hinschauen, und zwar nicht nur bei den laufenden Verwaltungskosten: „Die Spreads aktiver ETFs im Handel sind häufig viel größer als bei klassischen ETFs“, sagt Thomas. Auch gäbe es bei ihnen (oft nicht publizierte) Transaktionskosten von im Schnitt sechs Basispunkten. Investoren scheint das nicht wirklich zu stören: Zahlreiche der noch relativ jungen systematischen ETFs verwalten bereits hohe Millionenbeträge, die größten haben die Milliarden-Hürde schon übersprungen.
Von Anna-Maria Borse, Juli 2026, © ETF Magazin
Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ETF Magazins, dem Fachjournal für Profis und informierte Anleger*innen.
- ETF Magazin herunterladen als PDF
