Kommentar
12:00 Uhr, 05.04.2005

Angst vor steigender Inflation belastet US-Märkte

Im Wochenverlauf schwächten sich die US-Märkte als Reaktion auf anhaltende Inflationssorgen und höhere Öl- und Rohstoffpreise ab. Der schwächer als erwartete Beschäftigungszuwachs außerhalb der Landwirtschaft im Monat März zerstreute etwas die Angst der Anleger, dass eine höhere Inflation aggressivere Zinsschritte der US-Notenbank (Fed) im Gepäck führen könnte. Ein stärkerer Stellenaufbau hingegen wäre Wasser auf die Mühlen all jener gewesen, die mit aggressiveren Zinserhöhungen rechnen. Auf der anderen Seite aber kletterte der vom Institute of Supply Management (ISM) ermittelte Index der gezahlten Preise im März nach oben und schürte damit die Angst vor einem beschleunigten Preisauftrieb.

In der letzten Woche schlossen auch die japanischen Aktienmärkte im Minus. Verantwortlich hierfür waren die enttäuschenden Konjunkturzahlen. So stieg im Februar überraschend die Arbeitslosigkeit an, während die Verbraucher im gleichen Zeitraum den Gürtel enger schnallten. Darüber hinaus ging aus der Tankan-Umfrage der Bank von Japan eine deutliche Eintrübung des Geschäftsklimas im ersten Quartal 2005 hervor.

Die meisten europäischen Märkte konnten sich in der letzten Woche behaupten. Der DAX verbesserte sich um 0,7%, während der CAC-40 auf der Stelle trat.

In Großbritannien musste der FTSE 100 nur leichte Verluste hinnehmen, denn anhaltende Übernahmephantasien machten einen Teil der negativen Auswirkungen steigender Ölpreise und des schwachen Wohnungsmarktes wieder wett.

Uneinheitlich tendierten derweil die Aktienmärkte in der Region Asien-Pazifik. So verlor der Hang Seng 0,8%, während der koreanische Aktienmarkt um 1,7% stieg und der taiwanesische um moderate 0,6% nachgab.

Von den massiven Verlusten der Vorwoche konnten sich die Emerging Markets etwas erholen. Nach dem Erdbeben an der Westküste Sumatras bestimmten Kursverluste am indonesischen Aktienmarkt das Geschehen.

An den Staatsanleihemärkten fielen die Renditen auf US-Treasuries nach Bekanntgabe vergleichsweise günstiger Inflationszahlen. Der Index zum privaten Verbrauch (PCE-Index) - die von der Fed bevorzugte Kennzahl zur Inflationsmessung – wies für Januar einen Anstieg um 1,6% gegenüber dem Vorjahr aus und zerstreute damit etwas die Angst vor einem rasanten Inflationsanstieg.

An den Devisenmärkten tendierte der US-Dollar in der letzten Woche im Wesentlichen unverändert. Er erhielt auf der einen Seite Unterstützung durch die erwarteten Zinserhöhungen, während auf der anderen Seite die schwachen Beschäftigungszahlen außerhalb der Landwirtschaft den Anstieg des Greenback bremsten.

Erneut verteuerte sich Öl an den Rohstoffmärkten. Gleichzeitig riet die Internationale Energiebehörde (IEA) Öl importierenden Unternehmen, Notfallpläne mit Ölsparmaßnahmen für den Fall einer nachlassenden Ölversorgung einzurichten. Wegen des unveränderten US-Dollar trat auch der Goldpreis in der letzten Woche auf der Stelle.

Hat die Inflation die Wohlfühlzone verlassen?

Aggressive Äußerungen von Seiten der Fed und anderer Zentralbanken haben die Märkte dazu veranlasst, ihre Zins- und Inflationserwartungen nach oben zu schrauben. Diese geänderte Haltung aber hat ihren Preis, und die Aktienmärkte erlitten Verluste, während die Renditen an den Rentenmärkten anzogen. Die zentrale Frage für die Märkte lautet nun, ob die Inflation über die für die Zentralbanker vertretbare Marke steigen wird und sie damit zu aggressiveren Zinsschritten zwingt? Das nämlich käme einer Abkehr von den „gemäßigten Zinsschritten“ gleich, die insbesondere die Fed seit längerem propagiert. Ein solches Szenario wäre nicht nur für riskantere „Carry-Trades“, sondern auch für herkömmlichere Anlageformen Gift.

Aus unserer Sicht aber setzt sich das günstige, zugrunde liegende Inflationsumfeld fort, ein leichter Anstieg der Kerninflation ist jedoch nicht ausgeschlossen. Die US-Wirtschaft verfügt nach wie vor über ausreichend Reserve-Ressourcen, um einer im Inland entstehenden Inflation den Riegel vorzuschieben. Außerdem ist es mehr als unwahrscheinlich, dass sich der starke Rohstoffpreisanstieg aus dem Vorjahr wiederholt, ohne gleichzeitig das Wachstum zu bremsen. In den kommenden Monaten dürften sich daher insbesondere in den inflationssensitiven Bereichen wie bei Langläufern Anlagechancen eröffnen, sollte die Nervosität an den Märkten zunehmen. Kurzläufer erscheinen bereits heute attraktiv, denn sie preisen inzwischen realistischere Preiserwartungen ein als noch zu Jahresbeginn.

Quelle: Merrill Lynch Investment Managers (MLIM)

Merrill Lynch Investment Managers (MLIM) wurde 1976 gegründet und ist mittlerweile eine der größten Investmentfirmen der Welt. Das verwaltete Vermögen beträgt rund 500 Mrd. US-Dollar (per 31. Dezember 2003). Als das Tochterunternehmen für Vermögensverwaltung von Merrill Lynch verfügt MLIM über eine breite Auswahl an prämierten Anlagefonds und umfassenden Einblick in die Märkte.

Keine Kommentare

Du willst kommentieren?

Die Kommentarfunktion auf stock3 ist Nutzerinnen und Nutzern mit einem unserer Abonnements vorbehalten.

  • für freie Beiträge: beliebiges Abonnement von stock3
  • für stock3 Plus-Beiträge: stock3 Plus-Abonnement
Zum Store Jetzt einloggen

Das könnte Dich auch interessieren

Über den Experten

Thomas Gansneder
Thomas Gansneder
Redakteur

Thomas Gansneder ist langjähriger Redakteur der BörseGo AG. Der gelernte Bankkaufmann hat sich während seiner Tätigkeit als Anlageberater umfangreiche Kenntnisse über die Finanzmärkte angeeignet. Thomas Gansneder ist seit 1994 an der Börse aktiv und seit 2002 als Finanz-Journalist tätig. In seiner Berichterstattung konzentriert er sich insbesondere auf die europäischen Aktienmärkte. Besonderes Augenmerk legt er seit der Lehman-Pleite im Jahr 2008 auf die Entwicklungen in der Euro-, Finanz- und Schuldenkrise. Thomas Gansneder ist ein Verfechter antizyklischer und langfristiger Anlagestrategien. Er empfiehlt insbesondere Einsteigern, sich strikt an eine festgelegte Anlagestrategie zu halten und nur nach klar definierten Mustern zu investieren. Typische Fehler in der Aktienanlage, die oft mit Entscheidungen aus dem Bauch heraus einhergehen, sollen damit vermieden werden.

Mehr Experten