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Kommentar
10:40 Uhr, 13.07.2026

"Aktive Fonds oder oder doch und ETFs?"

ETFs sind die Go‑to‑Produkte für immer mehr Anlegende. Sie sind die Hipster der Anlagemärkte, derweil aktiv verwaltete Fonds immer mehr zu Randnotizen verkommen. Zu Unrecht, meint unser Kolumnist Ali Masarwah. Der Fonds‑ und ETF‑Analyst beim Beratungshaus envestor plädiert für eine Ko‑Existenz beider Investmentvehikel im Depot und begründet sein Plädoyer in fünf aufeinander aufbauenden Schritten.

13. Juli 2026. FRANKFURT (envestor). „Machst du schon den MSCI bei Trade?“ Fragen und Sätze wie diese sind oft gehört und vielsagend: Junge Anleger investieren typischerweise in mehr oder weniger breit streuende ETFs wie Produkte auf den MSCI World, sind Selbstentscheider und investieren über sogenannte Neo‑Broker. Sie machen vieles richtig, sind aber noch nicht 100 Prozent „angekommen“ in der Welt des Investierens. Am Umstand, selbst über seine Finanzen zu entscheiden, ist absolut nichts auszusetzen. Am Umstand, dass ETFs die einzigen Produkte der Wahl sind, dagegen schon. Ich erkläre in fünf Schritten, warum ETFs nicht immer die perfekten Produkte sind und warum ich für eine friedliche Ko‑Existenz von ETFs und aktiv verwalteten Fonds plädiere.

1. Am Anfang einer Gegenüberstellung von aktiv verwalteten Fonds und ETFs steht die Frage: Was eigentlich sind ETFs?

Zunächst nur Fonds, die an der Börse gehandelt werden und für die laufend Intraday‑Kurse errechnet werden. ETFs können viele unterschiedliche Strategien verpacken. Diese können rein passiv sein und dem DAX oder MSCI World folgen. Dann lautet die Mission des ETFs, das Marktbarometer möglichst genau abzubilden. ETFs können aber auch aktive Strategien abbilden. Dann lautet die Mission, einen Marktindex zu übertreffen. Ein ETF ist also nur eine Vertriebshülle, mit der eine Investment‑Strategie „fit gemacht“ wird für den Börsenhandel.

Folglich sind die Gegenparts zu ETFs nicht aktiv verwaltete Fonds, sondern sogenannte offene Publikumsfonds. Die Urform des Investmentfonds wurde und wird einmal am Tag zum sogenannten Nettoinventarwert gehandelt und wird „klassisch“ über Banken und andere Finanzdienstleister vertrieben. Offene Fonds können aktiv verwaltet sein oder auch klassische Indizes abbilden. Vanguard, der legendäre ETF‑Anbieter aus den USA, ist in Wahrheit ein Anbieter von Indexfonds, börsengehandelte wie nicht börsengehandelte. Das Gleiche gilt für Häuser wie BlackRock, die unter dem ETF‑Logo iShares in Deutschland bekannt sind. Zusammenfassend: Ob eine Strategie in einem ETF umgesetzt wird oder in einem offenen Fonds, hängt davon ab, für welchen Vertriebsweg der Fondsanbieter optiert. Anleger kann das kalt lassen. Weil ETFs gerade das heiße Ding für Anlegende sind, legen immer mehr Fondsanbieter ihre Strategien auch in ETF‑Mänteln auf. Ob eine Strategie im offenen Fonds oder ETF umgesetzt wird, sagt nichts über die Qualität dieser Strategie aus.

2. Nachdem wir die Frage nach dem Was geklärt haben, kommen wir zum Pudels Kern.

ETFs haben vor allem deshalb einen guten Ruf, weil sie günstig sind. Vor 20 Jahren waren ETFs noch Exoten, aktive Fonds dominierten. Nach und nach sind aktiv verwaltete Fonds zum Exoten geworden. Warum? Weil immer mehr Anleger verstanden haben, dass die Höhe der Gebühren entscheidenden Einfluss auf ihre Rendite hat. Wenn Aktien langfristig mit 8 Prozent pro Jahr rentieren, würde bei 2 Prozent jährlichen Kosten die nominale Rendite eines Fonds auf 6 Prozent sinken. Kostet ein ETF 0,2 Prozent, bleiben nicht 6, sondern 7,8 Prozent pro Jahr für den Anlegenden übrig.

Klassische Fonds sind vor allem deshalb so teuer, weil laufende Vertriebsgebühren Teil der jährlichen Kosten sind. Wer selbst über seine Finanzen entscheidet, wird Provisionen, die ihm aufgezwungen werden, auch wenn er oder sie nicht beraten wird, zu Recht als Teufelszeug verurteilen und auf ETFs setzen. Anlegende, die dagegen eine Finanzberatung benötigen, müssen mit spitzem Bleistift rechnen: Was ist günstiger – Provisionen, die in den Fondskosten enthalten sind, oder die Service‑Gebühren, die immer mehr Finanzdienstleister unabhängig von der Produktform als Gegenleistung für die Beratung erheben? In den allermeisten Fällen sind – das wird viele Anlegende überraschen – Provisionen die günstigere Lösung. Dem steht gegenüber, dass Service‑Gebühren einen entscheidenden Interessenkonflikt lösen: Finanzdienstleister, die auf Provisionsbasis arbeiten, sind prinzipiell incentiviert, Fonds mit hohen Vertriebsprovisionen an den Mann oder die Frau zu bringen und nicht die Investment‑Produkte mit der besten Performance‑Prognose.

3. Halten wir fest, dass günstige Fonds per se besser sind als teure Fonds und günstige ETFs besser sind als teure, weil bei ihnen für den Anlegenden mehr Rendite übrigbleibt.

ETFs können besser sein als aktiv verwaltete Fonds – allerdings nicht deshalb, weil sie ETFs sind, sondern weil sie günstig sind. Aber sie können in manchen Fondskategorien erschreckend schwach sein und schlechter abschneiden als aktiv verwaltete Fonds. Die eigentliche Frage lautet nicht „aktiv oder passiv“, sondern: „teuer oder günstig?“ bzw. „liquider Markt oder illiquider?“

Offene Fonds können zudem günstig sein, wenn sie um die Vertriebsprovisionen bereinigt werden und Fondsanbieter sich bei der Management‑Gebühr bescheiden. Aber die weitere, wichtige Frage lautet: In welchen Märkten tummeln sich Fonds und ETFs? In entwickelten, effizienten Märkten ist eine laufende Preisfeststellung unproblematisch, weil der Handel reibungslos funktioniert. Dann kann billiges Beta, etwa ein einfacher DAX‑ETF, eine gute Lösung sein. In weniger effizienten Märkten ist die Informationsverarbeitung nicht perfekt, die Regulierung mitunter schwach und die Umsätze an der Börse niedrig. Dann steht nicht die laufende Preisfeststellung im Vordergrund, sondern die Effizienz bzw. Qualität der Strategien. Dann kann ein offener Fonds, der nur einmal täglich – mitunter auch seltener – Kurse stellt, die bessere Wahl als sein hektisch zappelnder börsennotierter Cousin sein.

Wo die Liquidität gering und/oder die Komplexität hoch ist, ist weniger der Real‑Time‑Kurs wichtig, sondern die Frage, wie viel Qualität und Diversifikation das Investment‑Vehikel liefert. Das ist bei überraschend vielen Märkten der Fall.

4. Das führt umstandslos zur Frage: Wo ist die Effizienz hoch und wo nicht?

Billiges Beta ist aktienseitig bei tiefen Märkten die erste Wahl. Wir bei envestor trauen uns nicht zu, die – ständig wechselnden – 10 Prozent der besten Fondsmanager für US‑Aktien zu identifizieren. Ähnliches gilt für Westeuropa. Bei Nebenwerten und Emerging Markets, vor allem bei Frontier‑Märkten, lohnen sich indes komplexere Strategien und die werden vor allem in offenen Fonds umgesetzt. Dieser Befund gilt erst recht für viele Anleihensegmente. Wer nur liquide Staatsanleihen der Industrieländer im Blick hat, kann sich getrost auf billiges Beta konzentrieren und auf ETFs setzen, muss aber unbefriedigende Renditen in Kauf nehmen.

Bei Geldmarkt‑ETFs wird es allerdings mitunter eng. Hier können komplexere Ansätze die ganze Klaviatur eines komplexen Marktes bedienen und, sofern sie günstige Gebühren erheben, einen Mehrwert liefern. Das gilt vor allem für Hochzinsanleihen, Nachranganleihen, Emerging‑Markets‑Anleihen und Nischen wie CAT‑Bonds oder Loans. Anleger werden nun einwenden, dass es ETFs auch für Hochzinsmärkte gibt. Das ist richtig, allerdings bedienen diese nur die allerliquidesten Segmente. Damit geht ein wichtiger Teil der Rendite verloren, nämlich die sogenannte Illiquiditätsprämie. In vielen der oben erwähnten Segmente nimmt die Realität Anlegenden die Entscheidung ab: Oft gibt es dort keine ETFs. Das sollte allerdings kein Grund sein, sich von dem Segment fernzuhalten, sondern Ansporn, gute offene Fonds zu suchen.

5. Nun höre ich Anleger aufschreien: Theoretische Überlegungen sind schön und gut, aber in der Realität der Banken, Sparkassen und Strukturvertriebe kosten aktiv verwaltete Fonds 1–2 Prozent pro Jahr.

Das ist richtig. Aber es geht auch anders. Bequeme Anlegende sind dann mit ETFs, die in vergleichbaren Segmenten nur zwischen 0,1 und 0,3 Prozent an Kosten aufweisen, gut bedient. Kein Anleger sollte blind auf teure Produkte setzen, denn hier sind die Kosten sicher hoch und die Renditeperspektiven ungewiss.

Allerdings hat sich die Welt der Fonds und ETFs verändert. Zum einen gibt es immer mehr aktive Ansätze, die auch in ETFs umgesetzt werden; diese sind erkennbar anhand von Produkt‑Namen wie „enhanced“ oder „smart“ oder „factor“. Zum anderen kommen immer mehr offene Fonds ohne Bestandsprovisionen auf den Markt, die sehr günstig sind. Institutionelle und semi‑institutionelle Fonds unterscheiden sich in puncto Kosten oft nicht wesentlich von ETFs. ETF‑Anleger sollten also das Mantra „ETFs sind immer das Beste“ kritisch hinterfragen und offen bleiben für Neuerungen am ETF‑ und am Fondsmarkt. Es lohnt sich für die eigene Rendite.

Von Ali Masarwah, 13. Juli 2026, © envestor.de

Über den Autor

Ali Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor.de, eine der wenigen Fondsplattform, die Cashbacks auf Fonds-Vertriebsgebühren zahlt. Masarwah analysiert seit über 20 Jahren Märkte, Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar. Seine Expertise wird auch von zahlreichen Finanzmedien im deutschsprachigen Raum geschätzt.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von Deutsche Börse. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.