Kommentar
10:18 Uhr, 22.09.2008

"US-Bailout" Plan im Umfang von 700 Mrd. USD - Fragen nach Verantwortung ...

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Fehlanzeige! Aktien-Shortverkäufe verboten - Aktienkäufe noch erlaubt! Staatswillkür dominiert!

Der Euro eröffnet heute gegenüber dem USD bei 1.4510 (07.45 Uhr), nachdem in Fernost Höchstkurse bei 1.4562 markiert wurden. Der USD notiert gegenüber dem JPY bei 106.55. "Carry-Trades" sind en vogue. EUR-JPY stellt sich auf 154.65, während EUR-CHF bei 1.5980 oszilliert. Die US-Regierung will den Banken in den nächsten zwei Jahren faule Kredite in einem Umfang bis zu 700 Mrd. USD abkaufen. Bis Mittwoch soll der US-Kongress Finanzminister Paulson entsprechende Vollmachten erteilen. Dabei werden gültige rechtliche Regelungen umgangen. Paulson soll vor Rechtsfolgen geschützt werden. Zustimmung der Demokraten ist signalisiert. Ausländische in den USA tätige Institute kommen gleichfalls in den Genuss des "Bailout" Programms.

Als opportunistischer Banker freut man sich fraglos zunächst, dass die aktuellen US-Interventionen die Funktionalitäten an den Märkten verbessern und damit stabilisierend wirken. Wer hat schon Interesse an einer Kernschmelze der internationalen Finanzbranche, die einen persönlich beruflich gleich mit dahinrafft.

Mithin ist im Hinblick auf die Stabilisierung der Finanzmarktteilnehmer, der Finanzmärkte und damit der Realwirtschaft, also unter solitärer Berücksichtigung der wahrscheinlichen zumindest kurzfristigen Resultate, dieses Maßnahmenpaket als positiv zu bewerten. Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz!

An dieser Stelle ist nebenher bemerkt ein für allemal deutlich zu machen, dass die Themen Anstaltslast und Gewährträgerhaftung nicht mehr nur im Zusammenhang mit Landesbanken diskutiert werden dürfen und können.

Dieses maßgebliche US-Maßnahmenpaket stellt alle Interventionen der Vergangenheit in den Schatten und ist ein Eingriff, der den ordnungspolitischen Rahmen freier Märkte vollständig sprengt.

Das gilt auch insbesondere im Hinblick darauf, dass Shortverkäufe (Finanzwerte) global umfassend verboten wurden. Na gut, dass Aktienkäufe noch erlaubt sind. Ganz schön erstaunlich, dass Gold-Shortpositionen (Futures) noch erlaubt sind, oder???? Wann werden USD-Verkäufe verboten? Ich bitte bei diesen ironischen und sarkastischen Fragen um ein wenig Nachsicht für emotionalisierte Chefanalysten, die nicht bereit sind, bei dem ersten ernsten Stresstest des Prinzips freier Märkte, alle Grundsätze in fröhlicher Grundstimmung über Bord zu werfen! Das wäre ja Opportunismus!

Welche nicht marktkonformen Schritte werden als nächstes eingeleitet. Dieser Schritt, regelkonforme Shortverkäufe (nicht Naked Shorts!) zu verbieten, ist nichts als Willkür. Willkür steht dem Prinzip freier Märkte diametral gegenüber. Es ist nahezu unfassbar, dass die USA als Verfechter des Prinzips freier Märkte hier ohne umfänglich zu erröten, in sozialistischer Manier partikulare Interessen der Wall Street durchsetzen und dabei den Schutz des einfachen Bürgers als Argument anführen.

Erst wurden die Bürger in unverantwortlicher Weise durch Zentralbankpolitik (real negative Zinsen) und kreative Kreditprojekte in die Verschuldung verführt und nun, da die Bürger nicht mehr solvent sind, wird der Staat als Gesamtheit in Anspruch genommen. Dabei ist der Staat nichts anderes als die Summe aller Wirtschaftssubjekte. Hier wird ein Schaf gleich zweimal von einer identischen Klientel geschoren. Das offizielle Schuldenlimit der USA wurde in diesem Zusammenhang freundlichst und schleunigst von zuvor 10,6 auf 11,3 Billionen USD erhöht. Derzeit liegt die Inanspruchnahme bei 9,66 Billionen USD.

Zum Selbstverständnis der aktuellen Bush-Regierung:

Die USA benötigten von 1776 bis zum Jahr 2000 um eine Gesamtverschuldung von gut 5.660 Mrd. USD aufzubauen. Die Bush-Administration hat es in den letzten knapp 8 Jahren vermocht, das Defizit um 70% auf circa 9.660 Mrd. USD auszuweiten, "What an accomplishment!" Nun kommt die nächste aggressive Defizitrunde im Rahmen des Interventionismus der globalen Finanzkrise!

Die Frage für die Verantwortung für die aktuelle Situation wird nicht ansatzweise am Markt diskutiert. Das Versagen der Aufsichtsbehörden, die verantwortungslose Zentralbankpolitik der Fed unter Greenspan, der interventionistische und opportunistische Regierungsstil der US-Administration, Regulierungen und Disziplin verneinend, oder die Banken und Investmentbanken, die ihre volkswirtschaftlichen Funktionen ignorierten und Eigenkapitalrenditen wie Hedge Funds realisieren wollten (und damit auch eine Risikostruktur wie Hedge Funds fahren mussten …), wird nicht im erforderlichen Maße trotz massivsten Versagens erörtert. Mit anderen Worten mutieren die "Täter" von gestern nun zu den vermeintlichen "Wohltätern" von heute. So ein System freier Märkte ohne Konsequenzen für die maßgeblich Handelnden in der Elite ist schon klasse …

Ergo dürfen wir uns über kurzfristige Stabilisierung an Finanzmärkten freuen. Wir sollten uns aber über den zu zahlenden Preis sehr bewusst sein! Es ist ein Verlust an Freiheit! Es ist ein Teil Unterwerfung öffentlicher Interessen gegenüber finanziellen Interessen.

Nicht einmal wurden im aktuellen öffentlichen Diskurs die wahren Ursachen der Krise angesprochen. Eine von mehreren wesentlichen Ursachen ist das internationale Finanzmonopoly. Das internationale Finanzmonopoly hat Finanzunternehmen geschaffen, die zu groß geworden sind. Es fehlen bei Banken nationale Loyalitäten. Welcher Volkswirtschaft soll ein "Global Player" gegenüber loyal sein? Derzeit kommt es zu weiterer "Klumpenbildung" im Finanzsektor. Je mehr Klumpen, desto mehr öffentliche Haftung. Hier ist der Umdenkprozess einzuleiten. Das war auch nach der Krise 1929 im Rahmen des "Glass Steagall Acts" (Zerschlagung der Trusts) der Fall und es war notwendig!

Banken müssen regionale Verantwortung tragen. Das Modell des Finanzmonopoly ist gescheitert. Es gilt genau diese Lernkurve umzusetzen, wenn Zukunft für Menschen, freie Märkte und Demokratie gewonnen werden soll!

Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, das den Euro favorisiert. Erst ein Unterschreiten der Unterstützung bei 1.4090 neutralisiert den positiven Bias des Euros.

Viel Erfolg!

© Folker Hellmeyer
Chefanalyst der Bremer Landesbank

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