"Steuern sind Raub" – die Bitcoin-Insel ohne Staat und Demokratie
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Eine Stadt, die sich weitgehend vom Staat lösen will. Sie formuliert eigene Regeln und senkt Steuern drastisch. Und das offizielle Zahlungsmittel: natürlich Bitcoin. Auf der Karibikinsel Roatán in Honduras entsteht mit Próspera ein Projekt, das den freien Markt zur zentralen Ordnungsinstanz erhebt.
“Ich fand es erstmal verrückt, dass man überhaupt die Entscheidung getroffen hat, auf diese Insel mitten im Nirgendwo zu ziehen”, erinnert sich Autor Lukas Wiehler im Gespräch mit BTC-ECHO. Darin zeige sich, wie konsequent viele der Beteiligten ihre Überzeugungen lebten. Wer nach Próspera gehe, tue das nicht aus pragmatischen Gründen allein, sondern aus einem klar formulierten politischen und ökonomischen Selbstverständnis heraus.
“In Próspera entscheiden nicht die Bewohner”
Próspera ist als Sonderwirtschaftszone organisiert und wird von einer Aktiengesellschaft mit Sitz in den USA verwaltet. Zentrale Entscheidungen trifft ein Unternehmerrat, dessen Zusammensetzung nur teilweise demokratisch legitimiert ist. Wie genau das funktioniert, erklärt Wiehler: “Ein Teil der Sitze wird von Grundstücksbesitzern besetzt, deren Stimmrecht proportional zur Grundstücksgröße ist, ein anderer Teil wird von der Aktiengesellschaft bestimmt, und nur eine Minderheit wird demokratisch gewählt”. Im Rahmen einer Reportage für das Y-Kollektiv (ARD) ist er nach Próspera gereist.
Viele der Bewohner begegnen klassischen demokratischen Prozessen mit Skepsis. Mehrheitsentscheidungen, so die Argumentation vor Ort, könnten Geschäftsmodelle gefährden oder langfristige Strategien durchkreuzen. Stabilität entstehe nicht durch wechselnde politische Mehrheiten, sondern durch ein verlässliches, unternehmensfreundliches Regelwerk.
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Wiehler beschreibt diese Haltung als grundlegend systemkritisch. Demokratie werde in diesem Denken häufig als Unsicherheitsfaktor betrachtet, weil sie Planbarkeit einschränke. Er selbst ist da nicht sicher, “wie das funktionieren soll, wenn da nicht mehr nur 50 Leute wohnen, sondern 200.000 und wie Menschen vor unseriösen Angeboten geschützt werden – das konnte mir da niemand erklären. Da gibt es einfach große Lücken in der Argumentation.”
40 statt 2.000
Próspera inszeniert sich als Standort für Gründer, die sich von Bürokratie lösen wollen. Unternehmen können sich vergleichsweise unkompliziert registrieren, der effektive Unternehmenssteuersatz liegt bei rund einem Prozent. Der deutsche Unternehmer Niklas Anzinger wirbt offen für diese Vorteile und beschreibt die Zone als Raum, in dem Innovation nicht durch umfangreiche Auflagen gebremst werde.
Gleichzeitig zeigt sich ein deutlicher Abstand zwischen Vision und Wirklichkeit. Einst war von 2.000 Bewohnern die Rede, tatsächlich leben dort nur rund 40 Menschen dauerhaft. “Wir haben uns das alles viel größer vorgestellt”, sagt Wiehler rückblickend. Viele der registrierten Bewohner seien sogenannte E-Residents, also lediglich digital erfasst. “Wirkliche Bewohner sind es nur etwa 40 – und 40 Menschen sind halt noch keine Gesellschaft.”
Auch bei den Start-ups relativiert sich das Hochglanzbild. Einige der Projekte hätten nur zeitweise existiert, weil Finanzierungen ausliefen oder Teams weiterzogen. “So richtig rund funktioniert diese Stadt noch nicht. Sie steht in den roten Zahlen, wird gestützt von Investitionen und ob sie jemals Profit abwirft, steht vollkommen in den Sternen. Es kann genauso gut sein, dass diese Idee scheitert”, so Wiehlers Einschätzung.
“100 Prozent mit Bitcoin zu leben, ist nicht möglich”
Bitcoin ist in Próspera sichtbarer Teil des Konzepts. In der Lobby steht ein Automat, an dem sich US-Dollar in Bitcoin tauschen lassen und umgekehrt. Die Kryptowährung ist offizielles Zahlungsmittel, Abgaben können theoretisch in Bitcoin beglichen werden.
In unserem Gespräch benennt Wiehler jedoch die praktischen Grenzen dieser Krypto-Realität. “In der Theorie ist dort vieles möglich”, erklärt er. Weil die Stadt jedoch sehr klein sei, müssten viele Einkäufe außerhalb der Zone erledigt werden, wo üblicherweise mit US-Dollar bezahlt werde. “100 Prozent mit Bitcoin zu leben, ist also nicht möglich.” Hinzu komme die starke Volatilität, da Fixkosten weiterhin in US-Dollar anfielen und entsprechend kalkuliert werden müssten. Ähnliche Probleme hat auch die Bitcoin-Adoption in El Salvador:
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Für manche Bewohner steht Bitcoin symbolisch für die Abkehr vom klassischen Staat. Wiehler schildert die Szene als stark ideologisch geprägt: “Sie sagen: Steuern sind Raub. Regulierung würde Innovationen verhindern.” Viele seien überzeugt, mit ihrem Projekt auch Honduras zu helfen, indem sie Wachstum, Arbeitsplätze und Rechtssicherheit schaffen.
Zugleich habe sich gezeigt, dass Kritik aus der lokalen Bevölkerung nur schwer nachvollzogen werde. “Diese Kritik haben sie nicht so ganz verstanden”, so Wiehler. Die Frage, warum Ausländer andere Regeln und Steuersätze erhalten sollten als Einheimische, werde häufig nicht als strukturelles Problem wahrgenommen.
Freiheit ohne Aufsicht?
Neben Krypto und Start-ups geht es den Inselbewohnern aber auch um die Suche nach einem verlängerten, gesunden Leben, dem sogenannten Longevity-Trend. So bietet eine Genklinik auf Próspera Therapien an, die in vielen Ländern keine Zulassung erhalten haben. Der Preis: rund 25.000 Euro. Laut MIT Technology Review halten Genforscher die Studien der Klinik für “Betrug”, die Wirksamkeit sei unklar, mögliche Nebenwirkungen wie Krebs oder Leberversagen nicht ausgeschlossen. Prominente Figuren der Bewegung, wie Bryan Johnson, sind davor aber nicht zurückgeschreckt:
Dem Y-Kollektiv blieben die Türen allerdings verschlossen, Gespräche kamen nicht zustande. Próspera wirbt damit, Innovation ohne “lähmende Genehmigungsverfahren” zu ermöglichen. Im Gespräch macht Wiehler deutlich, dass eine pauschale Ablehnung von Aufsichtsbehörden aus seiner Sicht nicht überzeugt. Institutionen wie die FDA existierten, um Risiken zu minimieren und Verbraucher zu schützen. Wie dieser Schutz in einer weitgehend deregulierten Umgebung langfristig sichergestellt werden könne, bleibe unbeantwortet.
Experiment mit offenem Ausgang
Rechtlich steht Próspera auf umstrittenem Fundament. Die Grundlage für Sonderwirtschaftszonen wurde unter dem damaligen Präsidenten geschaffen, später jedoch vom obersten Gericht für illegal erklärt. Dennoch besteht die Zone fort. Verträge und internationale Schiedsverfahren erschweren eine einfache Auflösung, zugleich fordert Próspera Schadensersatz in Milliardenhöhe.
Wiehler betont, dass das Modell insbesondere für Staaten des globalen Südens Risiken bergen könne. Es könne eine Zweiklassengesellschaft entstehen, in der internationale Gründer oben an ihren Projekten arbeiten, während lokale Arbeitskräfte Dienstleistungen erbringen. Welche langfristigen Folgen es habe, wenn eine Stadt konsequent nach Marktmechanismen organisiert werde, lasse sich heute kaum seriös prognostizieren.
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