Kommentar

Sind Zölle wirklich nur schlecht?

Zölle gibt es seit jeher. Der Trend zu immer geringeren Zöllen ist dabei fast so alt wie Zölle selbst. Dieser Trend steht vor der Umkehr, aber ist das überhaupt ein Problem?

Es gab Zeiten, da finanzierten sich Staaten fast ausschließlich über Zölle. Vor über 100 Jahren bestanden die Einnahmen der USA zum Großteil aus Zolleinnahmen. Heute ist das anders. Der Staat gibt insgesamt ca. 4 Billionen Dollar pro Jahr aus. Demgegenüber stehen Einnahmen von 3 Billionen Dollar. 1 % dieser 3 Billionen Dollar (entspricht 30 Mrd.) wird durch Zölle eingenommen.

Grafik 1 zeigt die Einnahmen der US-Regierung seit 1891. Die Einnahmen steigen seit Beginn der Datenreihe, was einfach daran liegt, dass das Handelsvolumen immer weiter steigt. Die Zölle selbst sind immer weiter gefallen.

Die USA importieren Waren im Wert von 2,3 Billionen Dollar. 30 % dieser Waren unterliegen einem Zoll (blaue Linie in Grafik 1). Der Zollsatz auf diese von Zöllen betroffenen Waren liegt bei knapp 5 % (schwarze Linie). Rechnet man die Zölle (30 Mrd.) auf alle Warenimporte, ergibt sich ein durchschnittlicher Zollsatz von 1,5 % (Balken in der Grafik).

Werden die bisher angekündigten Zölle eingeführt, steigt der durchschnittliche Satz auf 5,5 %. Das ist eine Vervielfachung, die es seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr gegeben hat. Für den Staat ist es kein schlechter Deal. Die Einnahmen vervielfachen sich ebenfalls auf über 100 Mrd. Dollar. Das finanziert gleich einen Teil der Steuersenkungen.

Die meisten Länder reagieren auf die Maßnahmen der USA mit Unverständnis und warnen vor einer großen Krise. Persönlich kann ich keine positiven Effekte der Maßnahmen erkennen, sehe aber auch keine Krise, vor allem nicht für die USA.

Grafik 2 zeigt dazu die Zollentwicklung und das Wirtschaftswachstum der USA seit 1820. In diesen fast 200 Jahren hat es viele große Bewegungen gegeben. Nach Ende des Ersten Weltkrieges wurden die Zölle bis in die Große Depression hinein fast verdreifacht. Sie waren nicht der Auslöser der Großen Depression, haben die Krise aber verlängert und verschlimmert.

Es gibt auch andere Beispiele. Um die Jahrhundertwende (19. Zu 20. Jahrhundert) wurden die Zölle um fast 50 % angehoben. Das Wachstum hat es nicht beeinträchtigt. Anders war es in den 1860er Jahren. Eine Verdreifachung der Zölle ging mit einem Wachstumseinbruch einher.

Eine klare Tendenz lässt sich nicht erkennen. Vom Konzept her macht es Sinn, wenn das Wachstum unter steigenden Zöllen sinkt. Zölle sorgen erst einmal für Unsicherheit. Investitionen werden aufgeschoben oder gestrichen. Das wirkt dämpfend. Ebenso können Verbraucher bei höheren Preisen weniger konsumieren. Es werden weniger Waren abgesetzt. Wird weniger produziert, braucht es auch weniger Arbeitnehmer.

Wachstum hängt allerdings von vielen Faktoren ab, z.B. auch Staatsausgaben. Die USA haben ihre Ausgaben um 300 Mrd. erhöht. Das macht die möglicherweise sinkende Nachfrage durch Konsumenten mehr als wett. Auch die Steuersenkungen sind ein Anreiz für Unternehmen. Sie wirken der Unsicherheit entgegen.

Für die USA selbst dürften die Auswirkungen moderat sein. Die Langzeitfolgen sind noch nicht absehbar. Kurzfristig aber muss man keine große Krise befürchten. Das ist sicherlich auch ein Grund, weshalb sich Aktien relativ gut halten.

Problematisch wird es, wenn Länder wie China in Vergeltungsbemühungen US-Unternehmen vor Ort in China angreifen. Das geht etwa durch Bürokratie. Werden US-Unternehmen im Ausland durch den Staat abgestraft, verlieren die USA den Konflikt und müssen sich auf eine richtig große Krise einstellen. Das ist bisher jedoch nicht absehbar.

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Über den Experten

Clemens Schmale
Clemens Schmale
Finanzmarktanalyst

Clemens Schmale hat seinen persönlichen Handelsstil seit den 1990er Jahren an der Börse entwickelt.

Dieser gründet auf zwei Säulen: ein anderer Analyseansatz und andere Basiswerte. Mit anders ist vor allem die Kombination aus Global Makro, fundamentaler Analyse und Chartanalyse sowie Zukunftstrends gemeint. Während Fundamentaldaten und Makrotrends bestimmen, was konkret gehandelt wird, verlässt sich Schmale beim Timing auf die Chartanalyse. Er handelt alle Anlageklassen, wobei er sich größtenteils auf Werte konzentriert, die nicht „Mainstream“ sind. Diese Märkte sind weniger effizient als andere und ermöglichen so hohes Renditepotenzial. Sie sind damit allerdings auch spekulativer als hochliquide Märkte. Die Haltedauer einzelner Positionen variiert nach Anlageklasse, beträgt jedoch meist mehrere Tage, oft auch Wochen oder Monate.

Rohstoffe, Währungen und Volatilität handelt er aktiv, in Aktien und Anleihen investiert er eher langfristig. Die Basiswerte werden direkt – auch über Futures – oder über CFDs gehandelt, in Ausnahmefällen über Optionen und Zertifikate.

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