Kommentar
15:10 Uhr, 06.03.2026

PEG-Ratio verstehen: Bewertung und Wachstum richtig einordnen

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) ist die wohl bekannteste Kennzahl an der Börse. Nahezu jeder Anleger kennt sie, nahezu jeder nutzt sie. Doch das KGV hat eine entscheidende Schwäche: Es ignoriert völlig, ob ein Unternehmen wächst oder schrumpft. Genau hier setzt die PEG-Ratio an. Populär gemacht hat sie der legendäre Fondsmanager Peter Lynch, der damit eine der beeindruckendsten Track Records der Investmentgeschichte erzielte. In diesem Beitrag erfährst du, wie die PEG-Ratio funktioniert, wie du sie selbst berechnest und anwendest und warum sie gerade für Wachstumsaktien dem klassischen KGV weit überlegen ist.

Das Problem mit dem KGV: Warum die beliebteste Kennzahl nicht ausreicht

Das KGV setzt den aktuellen Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie. Ein KGV von 15 bedeutet: Du zahlst das 15-Fache des Jahresgewinns für eine Aktie. So weit, so einfach.

Das Problem: Ein Unternehmen mit einem KGV von 30 wirkt auf den ersten Blick teuer. Aber was, wenn es seinen Gewinn jährlich um 40 % steigert? Dann ist das hohe KGV plötzlich gerechtfertigt, vielleicht sogar günstig. Umgekehrt kann ein KGV von 8 ein Schnäppchen sein oder eine Value Trap, wenn die Gewinne des Unternehmens jedes Jahr sinken.

Das KGV allein sagt also wenig darüber aus, ob eine Aktie wirklich günstig oder teuer ist. Es fehlt die zweite Hälfte der Gleichung: das Wachstum. Und genau diese Lücke schließt die PEG-Ratio.

Was ist die PEG-Ratio? Definition und Formel

PEG steht für Price/Earnings to Growth. Die Kennzahl setzt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) einer Aktie ins Verhältnis zur erwarteten Gewinnwachstumsrate. Die Formel ist denkbar einfach:

PEG-Ratio = KGV ÷ Gewinnwachstum (in %)

Dabei wird das Prozentzeichen der Wachstumsrate einfach weggelassen. Hat eine Aktie ein KGV von 20 und wächst der Gewinn jährlich um 25 %, rechnest du: 20 ÷ 25 = 0,80. Das Ergebnis: eine PEG-Ratio von 0,80.

Werde einer von uns:
Goldesel Premium
  • Einblick in alle Premium Trades & Depots
  • Baue dir finanziellen Wohlstand auf durch exklusive Lerninhalte, Guides & Video-Kurse
  • Monatliches Premiumabo

So interpretierst du das Ergebnis

  • PEG < 1,0: Die Aktie gilt als unterbewertet. Das KGV ist niedriger als die Wachstumsrate – du zahlst relativ wenig für das erwartete Wachstum.
  • PEG = 1,0: Die Aktie ist fair bewertet. Das KGV entspricht exakt der Wachstumsrate.
  • PEG > 1,0: Die Aktie ist tendenziell überbewertet – das KGV ist höher als das Gewinnwachstum rechtfertigen würde.
  • PEG > 2,0: Die Aktie ist deutlich überbewertet, selbst für optimistische Wachstumsannahmen.

Faustregel nach Peter Lynch: Eine fair bewertete Aktie hat ein KGV, das in etwa ihrer jährlichen Gewinnwachstumsrate entspricht. Alles darunter ist potenziell ein Schnäppchen.

Der Mann hinter der Kennzahl: Peter Lynch und der Magellan Fund

Peter Lynch managte den Fidelity Magellan Fund von 1977 bis 1990 und erzielte in dieser Zeit eine durchschnittliche Jahresrendite von 29,2 %. Aus 10.000 US-Dollar wären in 13 Jahren rund 280.000 US-Dollar geworden. Das verwaltete Vermögen stieg von 18 Millionen auf 14 Milliarden US-Dollar.

Lynch war überzeugt, dass Anleger häufig zu viel für glamouröse Wachstumsstorys bezahlen und gleichzeitig solide Wachstumsunternehmen übersehen, deren Bewertung noch niedrig ist. Die PEG-Ratio war für ihn das Werkzeug, um genau diese Perlen zu finden: Unternehmen, deren Wachstum vom Markt noch nicht vollständig eingepreist war.

In seinem Bestseller „One Up on Wall Street“ schrieb Lynch sinngemäß: Das KGV eines fair bewerteten Unternehmens sollte ungefähr seiner Wachstumsrate entsprechen. Ein Unternehmen mit 15 % Gewinnwachstum ist bei einem KGV von 15 fair bewertet – bei einem KGV von 7,5 ein Schnäppchen.

KGV vs. PEG-Ratio im Direktvergleich

Ein KGV von 25 kann günstig sein (wenn das Unternehmen um 35 % wächst, PEG = 0,71) oder teuer (wenn es nur um 10 % wächst, PEG = 2,5). Erst die PEG-Ratio bringt das Wachstum in die Gleichung und macht die Bewertung verschiedener Aktien wirklich vergleichbar – unabhängig von Branche und Geschäftsmodell.

PEG-Ratio in der Praxis: So berechnest du sie selbst

Schauen wir uns drei fiktive, aber realitätsnahe Beispiele an, die das Konzept greifbar machen:

Unternehmen KGV Gewinnwachstum PEG-Ratio Bewertung
Tech-Wachstumswert 35 40 % 0,88 Günstig ✅
Solider Industriewert 14 12 % 1,17 Fair ⚖️
Gehypter Trendwert 50 18 % 2,78 Teuer ❌

Der Tech-Wachstumswert sieht mit einem KGV von 35 auf den ersten Blick teuer aus. Doch sein starkes Gewinnwachstum von 40 % pro Jahr drückt die PEG-Ratio auf 0,88 – die Aktie ist trotz des hohen KGV günstig bewertet. Der gehypte Trendwert hingegen hat zwar ein hohes KGV, aber das Wachstum rechtfertigt die Bewertung bei Weitem nicht.

Dieses Beispiel zeigt die größte Stärke der PEG-Ratio: Sie macht Aktien aus völlig unterschiedlichen Branchen und mit völlig unterschiedlichen Wachstumsraten miteinander vergleichbar.

Welches Gewinnwachstum solltest du verwenden?

Die Qualität der PEG-Ratio steht und fällt mit dem verwendeten Gewinnwachstum. Hier gibt es verschiedene Ansätze:

Historisches Wachstum (rückblickend): Du schaust auf das durchschnittliche Gewinnwachstum der letzten 3–5 Jahre. Das ist einfach verfügbar, aber vergangenheitsbezogen – es sagt nichts darüber aus, ob das Wachstum anhält.

Analystenschätzungen (vorausschauend): Die meisten Finanzportale zeigen Konsensschätzungen für das erwartete Gewinnwachstum der nächsten 1–3 Jahre. Diese sind zukunftsgerichtet und in der Regel aussagekräftiger.

Langfristige Wachstumsrate (3–5 Jahre): Peter Lynch selbst empfahl, das mittelfristig erwartete Wachstum über die nächsten drei bis fünf Jahre zu verwenden. Dieser Ansatz glättet kurzfristige Schwankungen und ergibt die zuverlässigsten Ergebnisse.

Tipp: Auf Portalen wie Yahoo Finance, Morningstar oder finanzen.net findest du unter dem Stichwort „EPS Growth (5y expected)“ oder „Gewinnwachstum (erwartet)“ die Konsensschätzungen der Analysten, die sich für die Berechnung der PEG-Ratio eignen.

Mehr spannender Goldesel Content

Grenzen der PEG-Ratio: Wann sie nicht funktioniert

Die PEG-Ratio ist ein mächtiges Werkzeug, aber kein Allheilmittel. Es gibt Situationen, in denen sie an ihre Grenzen stößt:

Negatives oder kein Gewinnwachstum: Wenn ein Unternehmen Verluste schreibt oder die Gewinne schrumpfen, ergibt die PEG-Ratio keinen sinnvollen Wert. Sie funktioniert nur bei profitablen, wachsenden Unternehmen.

Sehr niedriges Wachstum: Bei Unternehmen mit nur 2–3 % Wachstum kann selbst ein niedriges KGV von 8 eine PEG-Ratio von über 2 ergeben. Das bedeutet nicht zwingend, dass die Aktie überbewertet ist – die PEG-Ratio ist hier einfach weniger aussagekräftig.

Zyklische Unternehmen: Autobauer, Rohstoffkonzerne oder Chemieunternehmen durchlaufen starke Gewinnzyklen. In einem Boom-Jahr erscheint das Wachstum hoch (niedrige PEG), im Abschwung bricht es ein. Die PEG-Ratio kann hier ein verzerrtes Bild liefern.

Qualität des Wachstums fehlt: Die PEG-Ratio unterscheidet nicht zwischen organischem Wachstum und schuldenfinanziertem Wachstum durch Übernahmen. Nicht jedes Gewinnwachstum ist gleich nachhaltig.

Zinsniveau wird ignoriert: In Niedrigzinsphasen sind höhere KGVs üblicher als bei hohen Zinsen. Die PEG-Ratio berücksichtigt diesen makroökonomischen Faktor nicht. Benjamin Graham hat das in einer späteren Version seiner Formel ergänzt, indem er das aktuelle Zinsniveau einbezog.

Vorsicht: Value Trap oder echtes Schnäppchen?

Eine niedrige PEG-Ratio allein macht noch kein gutes Investment. Prüfe immer, ob das erwartete Gewinnwachstum realistisch ist und auf einer soliden Geschäftsgrundlage basiert. Unternehmen mit strukturellen Problemen – etwa sinkender Nachfrage, hoher Verschuldung oder regulatorischem Druck – können optisch günstig erscheinen, während die Gewinne in Wirklichkeit auf dem absteigenden Ast sind.

Benjamin Grahams Alternative: Der faire Wert einer Wachstumsaktie

Bereits vor Peter Lynch hatte sich der Begründer des Value Investings, Benjamin Graham, mit der Bewertung von Wachstumsaktien beschäftigt. Seine Formel für den fairen Wert lautet:

Faires KGV = 8,5 + (2 × Gewinnwachstumsrate in %)

Nach Graham wäre für ein Unternehmen ohne Wachstum ein KGV von maximal 8,5 gerechtfertigt. Für ein Unternehmen mit 15 % Wachstum läge der faire Wert bei einem KGV von 38,5 (8,5 + 2 × 15). Interessanterweise kommt Grahams Ansatz bei höheren Wachstumsraten zu ähnlichen Ergebnissen wie eine PEG-Ratio von leicht über 2 – also etwas großzügiger als Lynchs strenger Maßstab von 1.

Beide Ansätze ergänzen sich gut: Die PEG-Ratio ist ein schneller Filter, die Graham-Formel eine zusätzliche Absicherung.

So nutzt du die PEG-Ratio in der Praxis: Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung

  1. KGV ermitteln: Nutze das Forward-KGV (auf Basis der Gewinnschätzung für das laufende oder nächste Jahr). Du findest es auf Finanzportalen wie finanzen.net, Morningstar oder Yahoo Finance.
  2. Erwartetes Gewinnwachstum finden: Suche nach der Konsensschätzung für das Gewinnwachstum der nächsten 3–5 Jahre (EPS Growth). Alternativ kannst du dir auch selbst eine Schätzung herleiten.
  3. PEG berechnen: Teile das KGV durch die Wachstumsrate (ohne Prozentzeichen). Ein Taschenrechner genügt.
  4. Vergleichen: Vergleiche die PEG-Ratio der Aktie mit Wettbewerbern derselben Branche. Die Aktie mit der niedrigsten PEG bietet das beste Verhältnis aus Bewertung und Wachstum.
  5. Plausibilitätscheck: Ist das Wachstum nachhaltig? Basiert es auf starken Fundamentaldaten? Gibt es strukturelle Risiken? Die PEG-Ratio ist ein Startpunkt, kein Endpunkt der Analyse.

Fazit: Warum die PEG-Ratio in jedes Analyse-Toolkit gehört

Die PEG-Ratio löst eines der größten Probleme des KGV: Sie bringt das Wachstum in die Bewertungsgleichung. Ein hohes KGV ist nicht automatisch teuer, ein niedriges nicht automatisch günstig. Erst im Zusammenspiel mit dem Gewinnwachstum wird die Bewertung einer Aktie wirklich aussagekräftig.

Die Kennzahl ist einfach zu berechnen, intuitiv verständlich und branchenweit anwendbar. Gerade für Wachstumsaktien – ob aus dem Tech-Bereich, dem Gesundheitswesen oder der Industrie – liefert sie deutlich bessere Ergebnisse als das KGV allein.

Wichtig ist allerdings, die PEG-Ratio nicht isoliert zu betrachten. Sie ist ein hervorragender erster Filter, um attraktiv bewertete Wachstumsaktien zu identifizieren. Die finale Investmententscheidung sollte aber immer auf einer breiteren Analyse basieren, die auch Faktoren wie Verschuldung, Wettbewerbsposition, Managementqualität und makroökonomisches Umfeld einbezieht.

Peter Lynch hat es auf den Punkt gebracht: Wer das Gewinnwachstum ignoriert, investiert blind. Die PEG-Ratio öffnet die Augen.

Das könnte Dich auch interessieren