KONJUNKTUR IM BLICK/Stillhalten inmitten des Aufruhrs
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Von Hans Bentzien
DOW JONES--Die Welt ist in Aufruhr, aber die Zentralbanken halten still - noch. Zu groß ist derzeit die Unsicherheit darüber, wie sich der Krieg im Iran letztlich wirtschaftlich auswirken wird, wobei die entscheidende Variable die Dauer des Kriegs sein dürfte und - damit einhergehend - seine Intensität und räumliche Ausbreitung. Der Krieg schafft auf jeden Fall menschliches Leiden. Mit Blick auf die Wirtschaft aber sind verschiedene Szenarien möglich - von einem nur zeitweisen Anstieg von Inflation und Inflationserwartungen bis hin zu einer weltweiten Rezession.
Klar, dass Zentralbanken angesichts der Unsicherheit vor Schnellschüssen zurückschrecken und ebenso klar, dass Marktteilnehmer genau darauf achten werden, wie US-Notenbank, Bank of Japan (BoJ), Europäische Zentralbank (EZB), Bank of England (BoE) und Schweizerische Nationalbank (SNB) in der vor uns liegenden Woche kommunizieren werden. Den Anfang macht am Mittwoch (19:00 Uhr) die Federal Reserve.
US-Notenbank lässt Leitzins unverändert
Der Offenmarktausschuss (FOMC) der US-Notenbank dürfte mehrheitlich dafür votieren, die Geldpolitik unverändert zu lassen. Analysten erwarten, dass die Fed-Funds-Zielspanne bei 3,50 bis 3,75 Prozent verharren wird. Zwar gibt es am US-Arbeitsmarkt nun deutlichere Anzeichen einer Abkühlung, doch ist andererseits die Inflation zu hoch, um die von US-Präsident Donald Trump geforderte Zinssenkung einfach so umzusetzen. Im Mittelpunkt des Interesses von Marktteilnehmern und Analysten werden Aussagen von Fed-Chairman Jerome Powell zum weiteren Zinskurs stehen. Angesichts des Kriegs und des gestiegenen Ölpreises kann man wohl sagen: Die Rahmenbedingungen für die Herstellung von Preisstabilität und Vollbeschäftigung in den USA haben sich in jüngster Zeit nicht gerade verbessert.
Bank of Japan verlängert Zinspause
Bei der anstehenden Ratssitzung der BoJ werden keine geldpolitischen Überraschungen erwartet. Der Marktkonsens und Experten gehen fest davon aus, dass der Leitzins vorerst bei 0,75 Prozent bleibt. Die Notenbank dürfte die Zeit nutzen, um die geopolitische Lage im Persischen Golf sowie anstehende Daten aus den Lohnverhandlungen zunächst in Ruhe auszuwerten. Allerdings wächst der Handlungsdruck: Die aufgrund des Iran-Krieges gestiegenen Öl- und LNG-Preise heizen die Inflation an, und die Kerninflation erweist sich insgesamt als robuster als von der Zentralbank ursprünglich erwartet.
Aufgrund dieses kostengetriebenen Inflationsdrucks haben sich die Markterwartungen nun verschoben. Viele Analysten rechnen bereits für April - anstatt Juni - mit einer ersten Zinserhöhung. Eine abwartende BoJ könnte im März zwar kurzfristig den Yen belasten, der Kurs in Richtung einer Zinswende im April scheint jedoch klar vorgezeichnet.
EZB bestätigt Leitzins - aber nicht mehr "in a good place"
Der EZB-Rat dürfte am Donnerstag beschließen, den Leitzins bei 2,00 Prozent zu belassen. Analysten erwarten, dass das Gremium seinen Kurs bestätigen wird, von Sitzung zu Sitzung und auf Basis der aktuellsten Daten zu entscheiden und sich dabei auf seine Einschätzung des Inflationsausblicks, der Dynamik der zugrunde liegenden Inflation und der Stärke der geldpolitischen Transmission zu stützen. Gleichwohl dürfte der Rat der Tatsache Tribut sollen, dass sich die Aussichten für Inflation und Wachstum wegen des Iran-Kriegs nicht gerade verbessert haben.
Dafür gibt es in dem von 14:15 (Veröffentlichung der Zinsentscheidung) bis etwa 15:30 Uhr (Ende der Pressekonferenz mit EZB-Präsidentin Christine Lagarde) dauernden Kommunikationsprozess mehrere Gelegenheiten - am wahrscheinlichsten ist, dass Lagarde einräumen wird, dass die EZB nicht mehr "in a good place" ist, wenn es um Bewahrung mittelfristiger Preisstabilität geht. Noch vor der EZB entscheiden SNB (9:30 Uhr) und BoE (13:00 Uhr).
SNB lässt Leitzins unverändert
Seit die SNB mit ihrem Leitzins wieder die Nulllinie erreicht hat, halten Analysten und Marktteilnehmer eine weitere Senkung für eher unwahrscheinlich. Zu ungewiss wäre der Nutzen eines solchen Schrittes und potenziell zu schädlich wären seine Nebenwirkungen für die Banken des Landes. Das hat die SNB-Führung mehrfach selbst signalisiert. Hinzu kommt, dass die Inflationsrate zuletzt nicht weiter gesunken und knapp im positiven Bereich geblieben ist. Entlastung kam zudem vom krisenbedingt deutlich festeren US-Dollar. Und auch die SNB sieht sich der Unsicherheit hinsichtlich der Kriegsfolgen gegenüber.
Bank of England wird Zinssenkung wohl verschieben
Auch die bevorstehende Sitzung des geldpolitischen Rats der BoE steht ganz im Schatten der militärischen Eskalation im Persischen Golf. Ursprünglich waren die Finanzmärkte fest davon ausgegangen, dass die BoE nach einem Rückgang der Inflation auf 3,0 Prozent im Januar eine baldige Zinssenkung vornehmen würde. Doch der Krieg gegen den Iran und die damit verbundene faktische Schließung der Straße von Hormus haben die weltweiten Öl- und Gaspreise rasant in die Höhe getrieben. Da Großbritannien rund 40 Prozent seines Öls und bis zu 60 Prozent seines Erdgases importiert, trifft dieser Preisschock die britische Wirtschaft besonders empfindlich.
Ökonomen erwarten, dass die BoE aufgrund dieser hohen Unsicherheit bei der Energiepreisentwicklung und deren Auswirkungen auf die Inflation vorerst abwarten wird. Anstatt die Zinsen wie erhofft zu senken, wird nun allgemein davon ausgegangen, dass der Leitzins unangetastet bei 3,75 Prozent belassen wird; die Geldmärkte preisen eine 95-prozentige Wahrscheinlichkeit für ein Stillhalten ein.
Weitere Zinsentscheidungen sind von der People's Bank of China (Referenzsätze für Unternehmenskredite, Freitag, 2:00 Uhr)und der schwedischen Riksbank (Donnerstag, 9:30 Uhr) zu erwarten. Am Dienstag (11:00 Uhr) wird außerdem der ZEW-Index veröffentlicht.
ZEW-Konjunkturerwartungen trüben sich deutlich ein
Die von Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) erhobenen Erwartungen von Investoren für das Wirtschaftswachstum in Deutschland dürften sich im März angesichts des Iran-Kriegs deutlich eingetrübt haben. Von Dow Jones Newswires befragte Volkswirte prognostizieren, dass der Index der Konjunkturerwartungen auf plus 38,5 (Februar: plus 58,3) Punkte gesunken ist. Für die Lagebeurteilung werden minus 64,5 (minus 65,9) Punkte erwartet.
(Mitarbeit: Andreas Plecko)
Kontakt: hans.bentzien@dowjones.com
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