KI zerstört Krypto nicht – KI braucht Krypto
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Zwischen dem 29. Januar und dem 5. Februar verlor der Krypto-Markt rund 1 Billion US-Dollar an Marktkapitalisierung – ein Rückgang von über 30 Prozent innerhalb weniger Tage. Solche Bewegungen entstehen nicht im luftleeren Raum. Und auch wenn Märkte selten nur aus einem einzigen Grund fallen, deutet die Intensität dieser Korrektur auf mehr hin als auf “einen weiteren Rücksetzer”. In diesem Artikel möchten wir daher einen zentralen Treiber der aktuellen Marktpsychologie beleuchten – und erklären, warum wir darin eine Fehlbewertung sehen.
Das Narrativ: “KI tötet Software as a Service”
In den vergangenen Tagen haben wir einen Bericht gelesen, der aus unserer Sicht den aktuellen Abverkauf bei Software-Aktien besser einordnet als die meisten anderen Kommentare zu diesem Thema. Der Autor (Substack: Capital Flows) beschreibt ein inzwischen dominantes Markt Narrativ: Immer leistungsfähigere KI-Modelle könnten Software “on demand” erzeugen, Margen unter Druck setzen und damit große Teile des SaaS-Universums strukturell entwerten.
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Anders formuliert: Wenn Software durch KI sofort und extrem günstig erstellt werden kann, verlieren Softwareunternehmen – so die Argumentation – ihre strukturellen Wettbewerbsvorteile und damit ihre Fähigkeit, Preise nachhaltig durchzusetzen.
Der Zeitpunkt spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Ende Januar veröffentlichten Claude-Updates von Anthropic (Apps sowie Cowork mit Enterprise-Plugins) und der Launch von Claude Opus 4.6 am 5. Februar haben das Narrativ “Software on demand” plötzlich sehr greifbar gemacht. Das dürfte dazu beigetragen haben, dass sich diese Story besonders schnell in der Marktpsychologie verankert hat.
Der Gegenpunkt des Autors ist dabei einfach, aber entscheidend: Diese Sichtweise ist zu kurz gegriffen. KI ersetzt hochwertige Enterprise-Software nicht pauschal – sie integriert sich in sie. Die dominante Entwicklung ist eine Neuausrichtung der Verbindung zwischen SaaS und KI, nicht deren Abschaffung.
Was der Markt tatsächlich macht und wo Fehlbewertungen entstehen
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sie den Blick auf die Kursbewegungen verändert. Was wir aktuell sehen, ähnelt weniger klassischen Makro Stress, sondern vielmehr einer klaren Rotation innerhalb des Technologiesektors.
Als grober Vergleich: Software-Aktien (IGV – der iShares Expanded Tech-Software Sector ETF) sind seit Anfang Januar um rund 20 Prozent oder mehr gefallen, während Halbleiter- und KI-Infrastruktur-Aktien (SMH – der VanEck Semiconductor ETF) im selben Zeitraum seitwärts bis leicht positiv notieren. Diese Spreizung zeigt eine Differenzierung in der Neubewertung verschiedener Ebenen des Technologie-Stacks.
Wenn “KI-Risiko” zu einem pauschalen Label wird, lösen sich Preise schnell von fundamentalen Realitäten. In seinem kostenpflichtigen Bericht nennt der Autor mehrere Beispiele von Softwareunternehmen, die trotz robuster Geschäftsmodelle und hoher Widerstandsfähigkeit pauschal abverkauft wurden – etwa vertikal integrierte Plattformen oder führende Cyber Security-Anbieter. Die konkreten Namen bleiben hier bewusst unerwähnt. Entscheidend ist das dahinterliegende Prinzip: Breite Narrative erzeugen Fehlbewertungen – und damit asymmetrische Chancen.
Die strukturelle Fehleinschätzung des Marktes: Krypto
Wir stimmen diesem Framework zu und sind überzeugt, dass der Markt die Auswirkungen auf Krypto derzeit ebenfalls falsch bepreist. Aktuell wirkt es zunehmend so, als würde Krypto in denselben “Software-Korb” geworfen – als Kollateralschaden des Narrativs “KI tötet Software”. Genau hier beginnt der Kategorienfehler, denn Krypto ist nicht einfach nur Software. Wenn leistungsfähige KI-Agenten skalieren, verringert sich der Bedarf an Krypto-Infrastruktur nicht, sondern er steigt.
Autonome Agenten benötigen einen offenen, programmierbaren Standard, um wirtschaftlich zu interagieren: Maschine-zu-Maschine, global, rund um die Uhr, mit klar definierten Regeln (Limits, Whitelists, Escrow-Logiken). Glauben wir wirklich, dass KI Agenten Bankkonten wie Menschen eröffnen werden?
Sie werden über digitale Wallets operieren und Werte nativ bewegen, weil das Bewegen von Geld und Assets über klassische Bank-Infrastruktur für autonome Systeme weder wirtschaftlich sinnvoll noch operativ skalierbar ist.
Offene Standards ermöglichen Adoption
Ein hilfreicher Vergleich ist die Containerisierung im Welthandel: Erst durch standardisierte Containergrößen wurde globale Logistik massiv effizienter. Offene Standards beschleunigen Adoption, weil alles nahtlos zusammenpasst. In einer maschinengetriebenen Wirtschaft müssen Geld- und Settlement-Systeme dieselbe Eigenschaft haben: ein neutraler, weit verbreiteter Standard, den Software-Agenten ohne Erlaubnis nutzen können.
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Stablecoins und Tokenisierung sind zentrale Enabler dieses Wandels. Stablecoins bringen Fiatgeld auf offene Settlement-Rails – und machen US-Dollar und Euro mit Internet-Geschwindigkeit, nahezu sofortiger Finalität und hoher Programmierbarkeit nutzbar. Tokenisierung überträgt dieses Prinzip auf Assets: Sobald reale Ansprüche (Cash-Äquivalente, Fonds, Wertpapiere, Sicherheiten) on-chain abgebildet werden, können Software-Agenten transparent, auditierbar und automatisiert darauf zugreifen.
Identität in einer Mensch-Maschine-Ökonomie
Neben Zahlungen und Assets wird Identität entscheidend. Wir benötigen verlässliche, vom Menschen geschaffene Nachweise, um zu unterscheiden, was von Menschen stammt und was von Maschinen erzeugt oder ausgeführt wird – eine Unterscheidung, die in den kommenden Jahren zunehmend schwieriger wird.
Menschen müssen als Menschen erkennbar sein (Proof of Personhood), und Agenten als Agenten. Diese Agenten benötigen Credentials, eine überprüfbare Verhaltenshistorie sowie Reputation- und Trust-Scores, damit Menschen und andere Agenten entscheiden können, ob und wie sie mit ihnen interagieren. In globalem Maßstab kann diese Art der Verifikation nur über offene, gemeinsame Proof-Netzwerke funktionieren – und Blockchains sind dafür prädestiniert.
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Auch wenn offene Standards für Adoption und Funktionalität wichtig sind, liegt das zentrale Wertversprechen in der Neutralität von Krypto: Infrastruktur, die nicht von einem einzelnen Land oder Machtblock kontrolliert wird – weder von China noch von den USA noch von der EU – und auch nicht von einem einzelnen Unternehmen oder Gatekeeper. In einer Wirtschaft, in der Menschen und Maschinen Seite an Seite interagieren, werden neutrales Settlement und überprüfbare Regeln zu einer funktionalen Notwendigkeit – nicht zu einer philosophischen Präferenz.
Fazit
Krypto konkurriert nicht mit KI – Krypto treibt KI an. Krypto stellt die neutralen Rails bereit, über die autonome Systeme Werte bewegen, Transaktionen abwickeln, Identität etablieren und wirtschaftlich in großem Maßstab agieren können. Der Markt scheint Crypto derzeit als Kollateralschaden des KI-Narrativs zu behandeln – wir sind überzeugt, dass dies ein Kategorienfehler ist. Genau dort entstehen häufig asymmetrische Chancen.
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Redaktioneller Hinweis: Selbstverständlich behaupten wir nicht, dass dieser Narrativ-Shift allein die Krypto-Korrektur der vergangenen Wochen erklärt. Märkte bewegen sich selten monokausal. Dies ist kein Aufruf, unreflektiertes Risiko einzugehen, und keine Aussage zur kurzfristigen Marktrichtung. Es ist eine Beobachtung von Marktverhalten: Scharfe Drawdowns werden häufig durch narrative Übertreibungen ausgelöst – nicht durch eine fundamentale Neubewertung langfristiger Werttreiber. Unsere Überzeugung in Krypto bleibt unverändert. Unser Respekt vor seiner Volatilität ebenso – und genau deshalb ist systematisches Risikomanagement ein zentraler Bestandteil unseres Ansatzes.
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