Kommentar
18:00 Uhr, 29.11.2025

Cardano als Staat: So lebt es sich als Bürger in der digitalen Nation

Im Interview auf dem Cardano Summit in Berlin erklärt Cardano Foundation CEO Frederik Gregaard, warum die Foundation Governance wie einen Staatsgründungsprozess denkt, welche Rolle eine eigene Verfassung spielt und wieso Millionen von Nutzern als Bürger agieren.

Erwähnte Instrumente

Ein Staat ohne Territorium, aber mit Verfassung, Bürgern, Haushalt und Wahlen: So beschreibt Cardano Foundation CEO Frederik Gregaard im Gespräch das, was auf der Cardano Blockchain entsteht. Für ihn ist Cardano längst mehr als ein Protokoll. Es ist eine digitale Volkswirtschaft, die sich immer stärker wie ein eigenständiges Gemeinwesen organisiert.

Digitale Volkswirtschaft statt nur Blockchain

Für Gregaard entwickelt sich Cardano weg vom reinen Smart-Contract-Netzwerk hin zu einem Gemeinwesen mit Bürgerlogik. “Wir sind jetzt bei sieben, acht Millionen Citizens. Und sie haben eine Stimme. Sie haben ein Stimmrecht.”

Damit geht es nicht nur um einzelne dApps oder DeFi, sondern um ein Ökosystem mit fiskalischen und monetären Mechanismen, Treasury und einer Form von öffentlicher Ordnung. Dafür braucht es aus Sicht der Foundation Strukturen, die eher an Staaten als an Start-ups erinnern.

Die Cardano-Verfassung: 500 Menschen, ein Text

Am deutlichsten wird dieser Anspruch beim Verfassungsprozess. Gregaard beschreibt, wie Cardano gemeinsam mit der Community eine Art Grundgesetz formuliert hat: “Wir haben eine Verfassung geschrieben. Wir haben 500 bis 600 Leute nach Argentinien gebracht und jedes einzelne Wort und jedes Komma diskutiert. Es war furchtbar anstrengend.”

Das Ergebnis wurde nicht in einem PDF abgelegt, sondern auf der Blockchain verankert: “Wir haben das finale Ergebnis genommen, es auf die Chain gebracht und dann haben Hunderttausende Leute dafür abgestimmt, dass das die Regeln sind.”

Ein großer Teil dieser Regeln wurde als Smart Contracts implementiert. Projekte, die Governance-Sicherheit brauchen, können sich darauf stützen. Gregaard nennt Beispiele: “Wir haben Projekte, die waren vorher auf anderen Blockchains und hatten so viel Erfolg, dass sie sehr große Kunden gewonnen haben. Danone oder Bayer Leverkusen zum Beispiel. Die sagen dann: Aus Governance-Sicht können wir nicht in einem System bleiben, in dem vielleicht ein Gründer einfach sagt, wir gehen links oder rechts. Wir müssen dahin, wo Governance definiert und partizipativ ist. Cardano erfüllt diese Kriterien.”

Liquid Democracy: Delegation mit Exit-Taste

In dieser digitalen Staatslogik spielt Liquid Democracy eine Schlüsselrolle. Stimmrechte sind delegierbar, aber nicht fest: “Wir haben Liquid Democracy. Du kannst deine Stimmrechte delegieren. Aber wenn jemand etwas tut, was nicht zum Versprechen passt, kannst du die Voting Power sofort zurückziehen.”

Das erzeugt nicht nur neue Governance-Formen, sondern auch einzigartige Forschungsdaten: “Universitäten kommen zu uns und laden all diese Daten herunter, weil es so etwas noch nie gegeben hat. Du siehst etwas in der Größenordnung von Dänemark, mit Fiskalpolitik, Geldpolitik, Verfassung und Wahlen. Und alles ist öffentlich einsehbar über E-Identitäten.”

Cardano wird so zu einem Labor für Governance im Maßstab eines Staates. Laut Gregaard habe man nicht alles perfekt getroffen, aber definierte Change-Prozesse erlaubt, das System weiterzuentwickeln.

Die Staatskasse on-chain: Haushaltslogik auf der Blockchain

Staaten definieren sich auch über ihren Haushalt. Die Cardano Foundation verfügt über eine eigene Treasury, deren Mittel transparent auf der Blockchain abgebildet werden: “Wir haben unsere eigene Treasury, wir haben unsere eigenen Ressourcen. Wir veröffentlichen alle unsere finanziellen Transaktionen auf der Blockchain, inklusive Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung.”

Auch persönliche und operative Kosten sind eingeschlossen: “Das bedeutet, mein Gehalt und dieses Event hier, all das wird auf der Blockchain als Kosten erfasst. Das ist ziemlich cool.”

Intern setzt die Foundation auf eine Kombination aus Top-down- und Bottom-up-Steuerung: “Wir haben eine Bottom-up-Budgetplanung. Wir haben 110 Mitarbeitende, die ein Budget von unten nach oben bauen, weil ihre Expertise viel größer ist als meine. Sie sagen: Wenn wir Cardano wirklich voranbringen sollen, welche Ressourcen brauchen wir und wie muss die Organisation aussehen?”

Parallel gibt es ein konservatives “Business as usual”-Budget von oben, beide Perspektiven werden in mehreren Monaten zusammengeführt. “So holen wir die kombinierte brain power der Leute rein und wir verlagern Ownership nach unten in der Organisation. Es geht nicht darum, was Fred will, sondern darum, was die Organisation für maximal wirkungsvoll hält.”

Zehnjahresplan, kritische Infrastruktur und Regulatoren

Wo klassische Staaten langfristige Infrastrukturpläne haben, arbeitet die Cardano Foundation mit einer eigenen Zehnjahresstrategie. Ziel ist, die ökonomischen Anreize des Netzwerks nachhaltig auszubalancieren. “Wir haben eine Zehnjahresstrategie. Es geht darum, eine Situation zu schaffen, in der die Fees, also die Einnahmen der Blockchain, zu den Anreizen der Blockchain passen.”

Auf der Ausgabenseite stehen Staking Rewards und Mittel für Projekte, auf der Einnahmenseite Transaktionsgebühren. Daraus leiten sich klare Kennzahlen ab: “Viele unserer KPIs drehen sich um die Menge der Transaktionen, gemessen in ADA, und um die Diversität der Transaktionen. Wir wollen nicht nur ein Use Case, der auf Memecoins aufbaut. Wir wollen Diversität.”

Stabil genug für kritische Infrastruktur?

Parallel positioniert sich Cardano in Richtung kritischer Infrastruktur. Gregaard betont die Bedeutung der Uptime: “Wir haben eine Uptime von über 3000 Tagen seit 2017. Die einzige andere Tech-Stack, die ich kenne, ist Bitcoin. Ich habe mit Zentralbanken, Investmentbanken, der Rüstungsindustrie gearbeitet. Dort nimmst du die Systeme jede Woche oder alle zwei Wochen runter, patchst und machst Dinge. Wir haben über 3000 Tage Uptime.” Diese Stabilität sei Voraussetzung, um als Basis für Staatssysteme, Identitäten und große Industrieanwendungen zu dienen.

Cardano Governance: langsam, aber nachhaltig

Bleibt der Spannungsbogen zwischen einer Institution wie der Cardano Foundation und einer dezentralen Community. Gregaard sieht darin einen bewussten Trade-off: “Wir haben als Foundation viele Möglichkeiten, unser eigenes Leben zu gestalten, ohne Community Approval. Natürlich wollen wir nicht entfremdet sein von der Community. Aber wir haben unsere eigene Treasury, unsere eigenen Ressourcen.”

Die damit verbundenen Prozesse sind schwerfälliger, aber aus seiner Sicht nachhaltiger: “Es verlangsamt dich. Du hast viele Komitees und Diskussionen. Es gibt dieses Sprichwort: Wenn du schnell gehen willst, geh allein. Wenn du weit gehen willst, geh als Team. Wir haben uns für Letzteres entschieden.”

Langfristig soll diese digitale Nation auch ohne Foundation und ursprüngliche Gründer funktionieren: “Wenn du eine öffentliche Infrastruktur für die Menschen, von den Menschen bauen willst, brauchst du einen Horizont von zehn Jahren. Du kannst das nicht bis morgen fertig haben.”

Empfohlenes Video

Exklusiv-Interview mit Cardano (ADA) Gründer Charles Hoskinson

Du willst auch die Artikel mit dem + lesen? Dann hol Dir BTC-ECHO Plus+

Mit Deinem Abo bekommst Du:

  • Unbegrenzten Zugang zu allen Inhalten
  • Exklusive Artikel, Interviews & Analysen
  • Detaillierte Reports & Hintergrundberichte
  • Technische Chartanalyse & Kursziele

Es sollen noch mehr Vorteile sein? Via Web und App hast Du geräteübergreifend Zugriff auf alle Beiträge. Damit verschaffen wir Dir ein optimales Lesevergnügen und du bleibst jederzeit flexibel.

Werde jetzt BTC-ECHO Plus+ Mitglied!