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Kommentar
15:34 Uhr, 15.09.2026

Aus dem ETF Magazin: "Sehr starke Treiber"

Benjamin Jones, Research-Chef bei Invesco in London, erklärt, warum Anleger mehr Chancen außerhalb der USA nutzen sollten – und trotzdem an US-Aktien festhalten dürfen. Uli Kühn hat mit ihm gesprochen.

15. September 2026. MÜNCHEN (ETF Magazin).

Eine aktuelle Umfrage zeigt: Profi-Anleger bleiben bei Aktien übergewichtet, setzen nun aber nicht nur vor allem auf US-Aktien. Ist das vernünftig?

Ja, absolut. Meine Kernthese seit 2024 lautet: Die Welt holt auf – dennoch bleiben US-Aktien attraktiv. Man sollte sie nicht völlig meiden, aber die regionale Exponierung verbreitern. Außerhalb der US-Märkte verbessern sich die relativen Chancen. Wir erleben weltweit eine starke Ausweitung der Fiskalausgaben und private Haushalte und Unternehmen beginnen, wieder mehr Kapital einzusetzen. Das ist ein ganz anderes Umfeld als in den letzten 15 Jahren.

In Deutschland und Europa sind wir aber von robustem Wachstum noch weit entfernt. Warum sollte ich in europäische Aktien investieren?

Schon allein, weil sie unbeliebt und relativ günstig bewertet sind. Dazu kommt: In Deutschland passiert strukturell gerade einiges. Die Rüstungsausgaben steigen – und entscheidend ist, dass Deutschland heute nicht mehr bei US-Unternehmen bestellt, sondern zunehmend bei deutschen. Die Verteidigung der Gegenwart sind Drohnen und asymmetrische Systeme, keine Flugzeugträger – und genau in diesem Bereich hat Deutschland Know-how und Fertigungskapazitäten. Der Multiplikatoreffekt in die Privatwirtschaft ist real.

Reicht mehr Rüstung, um Deutschlands Wirtschaft zu beleben?

Nein, es braucht auch die Infrastruktur. Aber die Genehmigungen für Infrastrukturprojekte ziehen in Deutschland gerade an. Die Umsetzung dauert Jahre, aber die Weichen werden jetzt gestellt. Wenn die geplanten Investitionen nicht kommen, hat Europa ein Problem. Wenn sie kommen, sind sie ein echter Kurstreiber. Und vergessen Sie nicht: Europäische Haushalte halten enorme Mengen Geld in Bankkonten. In einem Umfeld, wo die Inflation dauerhaft zwischen drei und vier Prozent liegt, verlieren sie dort real Geld. Das wird den Druck erhöhen, dieses Kapital in Märkte zu lenken.

Was spricht für US-Aktien?

Es gibt weiterhin sehr starke Wachstumstreiber. Künstliche Intelligenz ist heute der wichtigste Motor – durch den Aufbau von Rechenzentren, Energieinfrastruktur, Netzausbau. Kurzfristig ist KI zwar eher ein Inflationstreiber. Langfristig wird sich aber der Einsatz auszahlen und die erwarteten Produktivitätsgewinne werden eintreten. Dazu kommt eine amerikanische Privatwirtschaft, die robuster ist, als viele glauben. Das Nettovermögen der amerikanischen Haushalte liegt bei rund 133 Billionen Dollar – ein Rekord. US-Unternehmen haben ihre Schulden langfristig strukturiert und sitzen auf hohen Kassenbeständen. Das macht sie deutlich unempfindlicher gegenüber höheren Zinsen als in früheren Zyklen.

Könnte nicht die US-Zentralbank demnächst die Börsenparty beenden?

Der neue Fed-Chairman Kevin Walsh will Zinssenkungen – soviel ist klar. Doch die Wirtschaftsdaten liefern Argumente für Zinserhöhungen: Die Kerninflation liegt deutlich über dem Ziel, die Arbeitslosigkeit ist niedrig und der Stellenaufbau nimmt zu. Entscheidend wird die Energiepreisentwicklung sein. Stabilisieren sich die Öl-Lieferungen aus dem Nahen Osten, dürfte der Inflationsdruck nachlassen – und der Fed Spielraum geben, stillzuhalten. Eine Zinssenkung jetzt wäre riskant: Der Anleihemarkt würde das als Fehler lesen, die Glaubwürdigkeit der Notenbank würde leiden. Eine Zinserhöhung halte ich für unnötig – aber selbst sie würde die Rally nicht stoppen, solange das Wachstum trägt.

Auch in Japan brummt die Börse trotz steigender Zinsen und Inflation.

Japan ist strukturell interessanter als es vielleicht scheint. Die Reformen aus der Abe-Ära beginnen zu greifen: höhere Eigenkapitalrenditen, aktionärsfreundlichere Ausschüttungspolitik. Und dann sind da noch die japanischen Privathaushalte, die rund 50 Prozent ihrer Finanzmittel in Cash halten. In der Deflationswelt der vergangenen Jahrzehnte war das sinnvoll. Heute, mit Inflation und positiven Anleiherenditen, nicht mehr. Das Kapital fließt nun langsam in Aktien. Das ist ein wichtiger struktureller Treiber.

Sind die höheren Zinsen nicht ein Bremsklotz für die japanischen Unternehmen?

Im Gegenteil. Japanische Unternehmen haben jahrzehntelang Schulden abgebaut und gleichzeitig Cash gehortet. Im Schnitt haben sie heute mehr Geld auf dem Konto als Schulden in der Bilanz. Wenn die Zinsen steigen, zahlen sie zwar etwas mehr auf ihre Verbindlichkeiten – aber sie verdienen gleichzeitig deutlich mehr mit ihren Kassenbeständen. Per saldo ist das ein Gewinnplus, kein Gewinnminus. Wir haben diesen Effekt 2022 in den USA beobachtet, als die Fed die Zinsen anhob.

Erkennen Sie auch Chancen in den Schwellenländern?

EM-Anleihen in Lokalwährung halte ich für besonders attraktiv: solide Haushaltslage, niedrigere Inflation als in vielen Industrieländern, höhere Startrenditen, gutes Carry. Bei Aktien muss man differenzieren. Korea und Taiwan profitieren vom KI-Thema – die Chiphersteller haben in diesem Jahr enorme Wertentwicklungen geliefert, und die Bewertungen sind trotzdem noch vertretbar. Brasilien als Rohstoffexporteur ist kaum abhängig von den Entwicklungen im Nahen Osten. China ist strukturell auf Exportumlenkung angewiesen – weniger in die USA, mehr nach Asien und Afrika – und profitiert vom globalen Ausbau erneuerbarer Energien, nicht aus Klimagründen, sondern weil Energiesicherheit zur strategischen Priorität geworden ist. Vorsichtiger bin ich bei Indonesien und kurzfristig auch bei Indien, beide sind als Energieimporteure anfälliger.

Von Uli Kühn, Juli 2026, © ETF Magazin

Der Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe des ETF Magazins, dem Fachjournal für Profis und informierte Anleger*innen.