Kommentar
09:16 Uhr, 09.03.2026

"Alles fällt – ist Diversifikation ibäh?"

Wenn der Wert der meisten wichtigen Vermögenswerte im Gleichklang fällt, ist die Stunde der großen Kritiker da: Diversifikation, so deren Argument, funktioniere nicht. Ali Masarwah, Fondsanalyst und Geschäftsführer des Beratungshauses envestor, erhebt Einspruch gegen diese Kritik, die ihn auch aus einem ganz bestimmten Grund stört.

9. März 2026. FRANKFURT (envestor). Es gibt immer wieder Argumente, warum Diversifikation angeblich nicht funktioniert. 2022 machten viele CAT‑Bond‑Fonds die Grätsche – ausgerechnet dann, als die Zinsmärkte ihren Jahrhundert‑Crash hinlegten. Der Diversifikationseffekt von Katastrophenanleihen war gleich null. Sind CAT-Bonds also durchgefallen? Ähnlich heute: Frontier‑Aktienmärkte haben in den vergangenen zwei Wochen kräftig abgegeben. Wie verträgt sich das mit dem Argument, dass Frontier‑Aktien wenig in die globalen Anlagemärkte integriert seien und daher für gute Diversifikation sorgen?

Es gibt unfaire und faire Argumente gegen das Prinzip der Diversifikation. Ein absolut nachvollziehbares Argument ist, dass Diversifikation in Zeiten akuter Krise nur eingeschränkt funktioniert. Wenn man sie am dringendsten braucht, ist sie oft nicht da. Das war in vielen Krisen der Fall, als auch (vermeintlich?) diversifizierte Portfolios heftige Verluste hinnehmen mussten. So im März 2020, als in der Covid-Krise US-Staatsanleihen wackelten und so auch in den letzten zehn Tagen seit Beginn des dritten Golfkriegs zu beobachten: Gold, Bitcoin, Anleihen, Aktien – alles fiel.

Kommen wir zunächst zur nachvollziehbaren Kritik. Hier empfiehlt es sich, sich von der tagesaktuellen Entwicklung an den Börsen zu lösen. Kurzfristige Bewegungen am Kapitalmarkt spiegeln das Sentiment der Anlegerinnen und Anleger wider, weniger die fundamentale Natur eines Vermögenswerts. Wenn Investoren Panik schieben, gibt es oft kein Halten mehr. Gold ist eine Versicherung gegen Extremereignisse – haben wir ein solches Extremereignis? –, aber wenn Anleger heute nach einer langen Gold-Hausse Gewinne mitnehmen und den Goldpreis um 10 Prozent drücken, ist das kein prinzipielles Argument gegen das Edelmetall. Vielleicht reduzieren Anlegende ja ihre Portfolio-Gewinner, um bei den Verlierern aufzustocken? Das wäre Rebalancing aus dem Lehrbuch!

Ein Merkmal von Finanzkrisen ist auch, dass die Liquidität punktuell verschwindet – treffen zu viele Verkäufer auf zu wenige Käufer, kann das die Kurse von Vermögenswerten unter Druck setzen, auch wenn es dafür keine fundamentalen Gründe gibt. Diversifikation funktioniert, aber sie ist nicht jederzeit „abrufbar“. Anleger sollten daher weniger die Diversifikation verteufeln als vielmehr hinterfragen, ob sie das Liquiditätsrisiko eines Assets hinreichend auf dem Schirm hatten.

Dann gibt es die unfairen Argumente gegen Diversifikation. Dazu zählen wir die oben erwähnte Kritik an CAT‑Bonds 2022 und Frontier‑Aktien heute. 2022 wütete Hurricane Ian ausgerechnet dann, als die Anleihenkurse weltweit die Grätsche im Zuge steigender Inflationsraten machten. Spricht das gegen CAT‑Bonds generell? Aktuell sind alle Augen auf den dritten Golfkrieg gerichtet, nicht jedoch auf die ebenfalls ziemlich letale Auseinandersetzung zwischen Pakistan und Afghanistan. Diese hat kaum jemand auf dem Radar – aber das ändert nichts daran, dass Frontier‑Fonds mehr oder weniger stark in Südasien investieren. Spricht das gegen Frontier‑Märkte generell?

Idiosynkratische Risiken bleiben auch dann idiosynkratische Risiken, wenn sie im Kontext anderer Krisen manifest werden. Eine punktuell hohe Korrelation zwischen Preisbewegungen von Assets ist auch dann möglich, wenn es keine Kausalität für einen Gleichklang der Kurse gibt. Wenn im Sommer viel Eis konsumiert wird und zugleich die Zahl der Badeunfälle steigt, bedeutet das nicht, dass erhöhter Eiskonsum zum Ertrinken führt.

Anlegende sollten also versuchen, mehr Gelassenheit an den Tag zu legen. Nicht jeder Kursrücksetzer signalisiert den Bankrott der Diversifikation. Zwar bietet es sich an, das eigene Portfolio immer wieder kritisch auf unentdeckte Risiken zu überprüfen. Investorinnen und Investoren sollten sich aber nicht von notorischen Besserwissern ins Bockshorn jagen lassen, wenn die Kurse krachen. Es gibt Beobachter, die es im Nachhinein immer besser wissen. In Abwesenheit der sprichwörtlichen Glaskugel bleibt uns Normalsterblichen nur, auf Diversifikation zu setzen, auch wenn das Gratis‑Lunch bisweilen karg ausfallen mag.

Von Ali Masarwah, 9. März 2026, © envestor.de

Über den Autor

Ali Masarwah ist Fondsanalyst und Geschäftsführer von envestor.de, eine der wenigen Fondsplattform, die Cashbacks auf Fonds-Vertriebsgebühren zahlt. Masarwah analysiert seit über 20 Jahren Märkte, Fonds und ETFs, zuletzt als Analyst beim Research-Haus Morningstar. Seine Expertise wird auch von zahlreichen Finanzmedien im deutschsprachigen Raum geschätzt.

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder, nicht die der Redaktion von Deutsche Börse. Sein Inhalt ist die alleinige Verantwortung des Autors.