Optionsscheine einfach erklärt: Call, Put und Hebel
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Optionsscheine sind das älteste Hebelprodukt für Privatanleger und bis heute das, das am häufigsten missverstanden wird. Wer einen Call kauft, weil er an steigende Kurse glaubt, und dann erlebt, wie der Schein trotz steigender Aktie an Wert verliert, hat den Zeitwert kennengelernt. Wer vor Quartalszahlen einsteigt und nach richtiger Richtung trotzdem im Minus liegt, hat die Volatilität kennengelernt. Beides ist keine Hexerei, sondern Mathematik, und sie lässt sich in einer Lektion erklären.
Was Optionsscheine sind, wie Call und Put funktionieren, was Basispreis, Laufzeit und Bezugsverhältnis bedeuten, wie sich der Preis aus innerem Wert und Zeitwert zusammensetzt und warum der Hebel auf dem Etikett selten der Hebel in der Praxis ist, erklärt dieser Artikel an einem durchgehenden Rechenbeispiel. Er ist der zweite Teil von Teil A und die Grundlage für den Vergleich mit Knock-Out-Zertifikaten im nächsten Artikel.
Dieser Artikel zeigt dir: was ein Optionsschein rechtlich und wirtschaftlich ist, worin sich Call und Put unterscheiden, wie innerer Wert und Zeitwert entstehen, welche drei Faktoren den Preis bewegen und was Delta, Theta und implizite Volatilität bedeuten, wie du den echten Hebel berechnest, wie sich ein Call in sechs Szenarien entwickelt, was Optionsscheine von Optionen an der Eurex unterscheidet und wann ein Optionsschein die richtige Wahl ist.
Was Optionsscheine sind
Ein Optionsschein (englisch „Warrant“) ist ein Wertpapier, das dir das Recht gibt, einen Basiswert zu einem festgelegten Preis zu kaufen oder zu verkaufen. Das Recht gilt bis zu einem bestimmten Datum, der Laufzeit, und es ist ein Recht, keine Pflicht. Läuft der Basiswert in die falsche Richtung, lässt du das Recht einfach verfallen und verlierst nur, was du für den Schein bezahlt hast.
Herausgeber ist ein Emittent, meist eine Bank wie Société Générale, HSBC, BNP Paribas, Morgan Stanley oder Vontobel. Rechtlich ist der Optionsschein damit eine Schuldverschreibung dieser Bank, und du trägst ihr Emittentenrisiko. Gehandelt wird er wie eine Aktie über die Börse Stuttgart, die Börse Frankfurt oder direkt mit dem Emittenten. In Deutschland wird am Laufzeitende praktisch immer in bar abgerechnet: Du bekommst die Differenz zwischen Kurs und Basispreis ausgezahlt, statt tatsächlich Aktien zu erhalten.
Der Optionsschein ist die verbriefte, für Privatanleger zugeschnittene Form einer Option. Die Unterschiede zur echten Option an der Terminbörse behandelt ein eigener Abschnitt weiter unten. Für die Mechanik reicht zunächst: Optionsscheine sind Hebelprodukte, deren Preis nicht nur vom Kurs des Basiswerts abhängt, sondern auch von der Restlaufzeit und von der erwarteten Schwankungsbreite. Genau das unterscheidet sie von Knock-Out-Zertifikaten und macht sie schwerer zu bewerten, aber auch flexibler.
Was Derivate grundsätzlich sind, welche Rolle Basiswert, Hebel und Emittent spielen und wie sich die fünf Produktgruppen unterscheiden, erklärt der erste Teil des Kurses: Was sind Derivate? Hebelprodukte einfach erklärt.
Call und Put: die beiden Grundtypen
Es gibt zwei Arten von Optionsscheinen, und sie sind spiegelbildlich. Ein Call gibt dir das Recht, den Basiswert zum Basispreis zu kaufen. Er gewinnt, wenn der Kurs steigt. Ein Put gibt dir das Recht, den Basiswert zum Basispreis zu verkaufen. Er gewinnt, wenn der Kurs fällt.
| Call-Optionsschein | Put-Optionsschein | |
|---|---|---|
| Recht | Basiswert zum Basispreis kaufen | Basiswert zum Basispreis verkaufen |
| Erwartung | Steigender Kurs | Fallender Kurs |
| Gewinnt, wenn der Kurs am Laufzeitende | über dem Basispreis liegt (plus Aufgeld) | unter dem Basispreis liegt (minus Aufgeld) |
| Maximaler Gewinn | Theoretisch unbegrenzt | Begrenzt, weil der Kurs höchstens auf null fallen kann |
| Maximaler Verlust | Kaufpreis des Scheins | Kaufpreis des Scheins |
| Typischer Einsatz | Spekulation auf Kursanstieg, Partizipation mit kleinem Kapital | Spekulation auf Kursrückgang, Absicherung eines bestehenden Depots |
Der Put hat neben der Spekulation eine zweite, oft übersehene Funktion: die Absicherung. Wer ein Depot mit DAX-Werten hält und eine Korrektur erwartet, kann Puts auf den DAX kaufen. Fällt der Markt, verliert das Depot, aber die Puts gewinnen. Steigt er, verfallen die Puts, und die gezahlte Prämie war die Versicherungsgebühr. Anders als beim Short-Knock-Out gibt es dabei keine Schwelle, an der die Absicherung schlagartig verschwindet.
Basispreis, Laufzeit und Bezugsverhältnis
Drei Angaben stehen auf jedem Optionsschein und bestimmen, was du eigentlich kaufst. Nehmen wir das Beispiel, das uns durch den ganzen Artikel begleitet: eine Aktie, die bei 100 EUR steht, und einen Call darauf.
| Kennzahl | Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| Basispreis (Strike) | Der Preis, zu dem du das Kauf- oder Verkaufsrecht ausüben darfst | 100 EUR |
| Laufzeit | Bis wann das Recht gilt, danach verfällt der Schein oder wird abgerechnet | 6 Monate |
| Bezugsverhältnis | Wie viele Scheine sich auf einen Basiswert beziehen. 0,1 heißt: 10 Scheine entsprechen einer Aktie | 0,1 |
| Preis des Scheins | Was du für das Recht bezahlst | 0,85 EUR |
| Typ | Call (Kaufrecht) | Call |
Das Bezugsverhältnis ist eine Stolperfalle für Einsteiger. Bei 0,1 brauchst du zehn Scheine, um die Bewegung einer Aktie vollständig abzubilden. Ein Schein zu 0,85 EUR entspricht also 8,50 EUR je Aktie, und jede Rechnung muss diesen Faktor berücksichtigen. In der Praxis nennen Broker und Emittenten die Kennzahlen meist bereits umgerechnet, ein Blick ins Produktdatenblatt lohnt sich trotzdem.
Dazu kommt die Lage des Basispreises zum aktuellen Kurs. Liegt der Kurs beim Call über dem Basispreis, ist der Schein „im Geld“, liegt er darunter, „aus dem Geld“, liegt er genau darauf, „am Geld“. Unser Beispiel-Call mit Basispreis 100 bei einem Kurs von 100 ist am Geld. Scheine im Geld sind teurer und reagieren stärker auf Kursbewegungen, Scheine aus dem Geld sind billiger, haben einen höheren nominalen Hebel und eine höhere Wahrscheinlichkeit, wertlos zu verfallen.
Innerer Wert und Zeitwert: Woraus der Preis besteht
Der Preis eines Optionsscheins setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Der innere Wert ist das, was der Schein bei sofortiger Ausübung wert wäre. Beim Call ist das die Differenz zwischen Kurs und Basispreis, multipliziert mit dem Bezugsverhältnis, und niemals weniger als null. Beim Put ist es die Differenz zwischen Basispreis und Kurs. Der Zeitwert ist alles, was der Schein darüber hinaus kostet. Er ist der Preis für die Chance, dass sich der Basiswert bis zum Laufzeitende noch in die richtige Richtung bewegt.
| Kurs der Aktie | Innerer Wert des Calls (Basispreis 100, BV 0,1) | Beispielpreis des Scheins | Zeitwert |
|---|---|---|---|
| 90 EUR (aus dem Geld) | 0 EUR | 0,33 EUR | 0,33 EUR |
| 100 EUR (am Geld) | 0 EUR | 0,85 EUR | 0,85 EUR |
| 110 EUR (im Geld) | 1,00 EUR | 1,40 EUR | 0,40 EUR |
| 120 EUR (tief im Geld) | 2,00 EUR | 2,15 EUR | 0,15 EUR |
Zwei Dinge fallen auf. Erstens besteht der Preis eines Scheins am Geld komplett aus Zeitwert. Du bezahlst 0,85 EUR für reine Hoffnung. Zweitens ist der Zeitwert am Geld am höchsten und nimmt nach beiden Seiten ab. Tief im Geld verhält sich der Schein fast wie die Aktie, tief aus dem Geld ist er ein Lottoschein mit kleinem Preis.
Der Zeitwert hat eine Eigenschaft, die jeden Optionsschein-Käufer betrifft: Er schmilzt. Jeden Tag, den der Basiswert stillsteht, verliert der Schein einen Teil seines Zeitwerts, und dieser Verlust beschleunigt sich zum Laufzeitende hin. In den letzten Wochen vor dem Verfall verdampft der Zeitwert am schnellsten. Am Laufzeitende ist er null, und der Schein ist nur noch seinen inneren Wert wert. Für unseren Call heißt das: Steht die Aktie am Ende bei 100 EUR oder darunter, ist der Schein wertlos, obwohl die Aktie nicht gefallen ist.
Aus dem Zeitwert ergibt sich der Break-even am Laufzeitende. Beim Call ist das der Basispreis plus der Preis des Scheins geteilt durch das Bezugsverhältnis: 100 plus 8,50, also 108,50 EUR. Erst wenn die Aktie am Ende darüber steht, hast du Gewinn gemacht. Alles zwischen 100 und 108,50 EUR ist ein Teilverlust, obwohl die Aktie gestiegen ist.
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Zeitwert in einem Satz
Der Zeitwert ist die Miete, die du für die Chance zahlst. Sie ist am teuersten, wenn die Chance offen ist (am Geld, lange Laufzeit, hohe Schwankung), und sie wird jeden Tag fällig, ob die Aktie sich bewegt oder nicht.
Was den Preis bewegt: Kurs, Zeit und implizite Volatilität
Drei Faktoren bestimmen den Preis eines Optionsscheins. Für jeden gibt es eine Kennzahl, mit der sich die Wirkung messen lässt. Die Kennzahlen heißen nach griechischen Buchstaben, deshalb spricht man von den „Griechen“.
| Faktor | Kennzahl | Was sie sagt | Beispielwert für unseren Call |
|---|---|---|---|
| Kurs des Basiswerts | Delta | Um wie viel sich der Schein bewegt, wenn der Basiswert um 1 EUR steigt. Beim Call zwischen 0 und 1, beim Put zwischen −1 und 0 | 0,55 (mal Bezugsverhältnis 0,1 ergibt 0,055 EUR je Euro Kursanstieg) |
| Restlaufzeit | Theta | Wie viel Zeitwert der Schein pro Tag verliert, wenn sonst nichts passiert | rund 0,003 EUR pro Tag, zum Laufzeitende stark steigend |
| Erwartete Schwankung | Vega | Wie stark der Schein reagiert, wenn die implizite Volatilität um einen Prozentpunkt steigt oder fällt | rund 0,03 EUR je Prozentpunkt |
Delta ist die wichtigste Kennzahl für die Kursreaktion. Ein Call am Geld hat ein Delta von etwa 0,5: Steigt die Aktie um 1 EUR, steigt der Schein um 0,50 EUR je Aktie, bei Bezugsverhältnis 0,1 also um 0,05 EUR. Je tiefer der Schein im Geld liegt, desto näher rückt das Delta an 1 und der Schein verhält sich wie die Aktie. Je weiter aus dem Geld, desto näher an 0 und der Schein reagiert kaum noch.
Theta misst den täglichen Zeitwertverlust. Bei sechs Monaten Restlaufzeit ist er klein, bei zwei Wochen enorm. Wer einen Schein hält, dessen Laufzeit in den nächsten Wochen endet, sollte sich bewusst sein, dass Theta jetzt der stärkste Gegner ist.
Implizite Volatilität ist der Faktor, den die meisten Einsteiger übersehen. Sie beschreibt die Schwankungsbreite, die der Markt für den Basiswert bis zum Laufzeitende erwartet, und sie steckt direkt im Preis des Scheins. Steigt die erwartete Schwankung, etwa vor Quartalszahlen oder in einer Krise, werden alle Optionsscheine teurer, Calls und Puts gleichermaßen. Fällt sie, werden sie billiger. Das führt zu einer Situation, die sich viele erst nach dem ersten Verlust erklären lassen: Die Aktie steigt um 5 Prozent, der Call verliert trotzdem, weil die implizite Volatilität von 40 auf 25 Prozent gefallen ist.
Wie die implizite Volatilität vor Quartalszahlen steigt und danach einbricht, was IV Crush bedeutet und warum das für Optionsschein-Käufer die teuerste Falle beim Earnings-Trading ist, erklärt der Artikel Earnings-Trading: So handelst du Quartalszahlen.
Der Optionsschein-Hebel: einfacher Hebel gegen Omega
Auf jedem Produktdatenblatt steht ein Hebel, und er ist fast immer irreführend. Der einfache Hebel ergibt sich aus dem Kurs des Basiswerts geteilt durch den Preis des Scheins, angepasst um das Bezugsverhältnis. Für unseren Call: 100 EUR mal 0,1 geteilt durch 0,85 EUR, also rund 11,8. Das klingt, als würde der Schein zwölfmal so stark reagieren wie die Aktie. Tut er aber nicht, weil er nur mit seinem Delta an der Kursbewegung teilnimmt.
Der tatsächliche Hebel heißt Omega und ist das Produkt aus einfachem Hebel und Delta: 11,8 mal 0,55, also rund 6,5. Steigt die Aktie um 1 Prozent, steigt der Schein um etwa 6,5 Prozent. Das Omega verändert sich laufend mit Kurs, Restlaufzeit und Volatilität, deshalb ist es eine Momentaufnahme, keine Garantie.
| Lage des Scheins | Einfacher Hebel | Delta | Omega (effektiver Hebel) | Bedeutung |
|---|---|---|---|---|
| Tief aus dem Geld | 30 | 0,20 | 6 | Billig, hoher Nominalhebel, reagiert aber schwach und verfällt meist wertlos |
| Am Geld | 12 | 0,55 | 6,5 | Höchster Zeitwert, ausgewogene Reaktion |
| Tief im Geld | 5 | 0,90 | 4,5 | Teuer, verhält sich fast wie die Aktie, wenig Zeitwertverlust |
Die Tabelle erklärt einen klassischen Anfängerfehler: den billigsten Schein mit dem höchsten Hebel zu kaufen. Ein Schein weit aus dem Geld hat einen Nominalhebel von 30, aber ein Delta von 0,2. Er reagiert kaum auf Kursbewegungen und verfällt in den meisten Fällen wertlos, weil der Basiswert den Basispreis bis zum Laufzeitende nicht erreicht. Der scheinbar teure Schein im Geld ist oft die bessere Wahl, weil sein Delta hoch und sein Zeitwertverlust klein ist.
Wie der Hebel bei Knock-Outs, Faktor-Zertifikaten und CFDs entsteht und warum er sich bei jedem Produkt anders verändert, erklärt der Artikel Hebel bei Aktien: So funktioniert die Hebelwirkung im Trading.
Rechenbeispiel: So entwickelt sich ein Call
Nehmen wir unseren Call: Aktie bei 100 EUR, Basispreis 100 EUR, Restlaufzeit sechs Monate, Bezugsverhältnis 0,1, implizite Volatilität 30 Prozent, Preis 0,85 EUR. Du kaufst 1.000 Scheine für 850 EUR. Die folgenden Werte sind eine Modellrechnung ohne Zinsen und Spread, gerundet.
| Szenario | Kurs der Aktie | Restlaufzeit | Implizite Volatilität | Wert des Scheins | Position (1.000 Scheine) | Veränderung |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Kauf | 100 EUR | 6 Monate | 30 % | 0,85 EUR | 850 EUR | – |
| Aktie steigt 10 % nach einem Monat | 110 EUR | 5 Monate | 30 % | ca. 1,40 EUR | 1.400 EUR | +65 % |
| Aktie fällt 10 % nach einem Monat | 90 EUR | 5 Monate | 30 % | ca. 0,33 EUR | 330 EUR | −61 % |
| Aktie unverändert nach drei Monaten | 100 EUR | 3 Monate | 30 % | ca. 0,60 EUR | 600 EUR | −29 % |
| Aktie unverändert, Volatilität fällt | 100 EUR | 5 Monate | 20 % | ca. 0,52 EUR | 520 EUR | −39 % |
| Laufzeitende, Aktie bei 105 EUR | 105 EUR | 0 | – | 0,50 EUR | 500 EUR | −41 % |
| Laufzeitende, Aktie bei 108,50 EUR | 108,50 EUR | 0 | – | 0,85 EUR | 850 EUR | ±0 (Break-even) |
| Laufzeitende, Aktie bei 120 EUR | 120 EUR | 0 | – | 2,00 EUR | 2.000 EUR | +135 % |
| Laufzeitende, Aktie bei 100 EUR oder darunter | ≤ 100 EUR | 0 | – | 0 EUR | 0 EUR | Totalverlust |
Vier Zeilen verdienen einen zweiten Blick. Die dritte zeigt, dass Warten Geld kostet: Nach drei Monaten ohne Kursbewegung hat der Schein fast ein Drittel verloren. Die vierte zeigt die Volatilität als eigenständigen Faktor: Fällt die erwartete Schwankung von 30 auf 20 Prozent, verliert der Schein 39 Prozent, obwohl die Aktie exakt dort steht, wo sie stand. Die sechste zeigt den Unterschied zwischen „Aktie gestiegen“ und „Gewinn gemacht“: Bei 105 EUR am Laufzeitende hat die Aktie 5 Prozent zugelegt und der Schein 41 Prozent verloren. Und die letzte zeigt, was den Optionsschein vom Knock-Out unterscheidet: Der Totalverlust kommt erst am Laufzeitende, nicht beim Berühren einer Schwelle. Wer den Schein bei 90 EUR im ersten Monat nicht verkauft und die Aktie danach auf 115 EUR steigt, kann trotzdem noch mit Gewinn aussteigen.
Für den Put gilt die Rechnung spiegelbildlich. Ein Put mit Basispreis 100, gleicher Laufzeit und Volatilität kostet ebenfalls rund 0,85 EUR und ist am Laufzeitende bei einem Kurs von 90 EUR 1,00 EUR wert. Sein Break-even liegt bei 91,50 EUR.
Optionen handeln oder Optionsscheine kaufen? Der Unterschied zur Eurex
Neben Optionsscheinen gibt es echte Optionen, die an Terminbörsen wie der Eurex in Frankfurt oder der CBOE in Chicago gehandelt werden. Sie funktionieren nach derselben Logik aus Call, Put, Basispreis und Laufzeit, unterscheiden sich aber in fünf Punkten, die für die Praxis entscheidend sind.
| Kriterium | Optionsschein | Option (Eurex, CBOE) |
|---|---|---|
| Herausgeber | Ein Emittent (Bank), der die Kurse stellt | Börse mit standardisierten Kontrakten, viele Marktteilnehmer |
| Emittentenrisiko | Ja, Schuldverschreibung der Bank | Nein, Clearingstelle garantiert die Erfüllung |
| Nur kaufen oder auch verkaufen? | Nur kaufen (Long Call, Long Put) | Kaufen und verkaufen („schreiben“), also auch Stillhalter-Strategien mit Prämieneinnahme |
| Kontraktgröße | Frei wählbar über das Bezugsverhältnis, ab wenigen Euro | Standardisiert, meist 100 Aktien je Kontrakt, entsprechend höherer Kapitalbedarf |
| Preisbildung | Emittent bestimmt Spread und implizite Volatilität | Angebot und Nachfrage im Orderbuch, meist engere Spreads |
| Zugang | Jeder Broker, Freischaltung für die Risikoklasse | Broker mit Terminmarktzugang (Interactive Brokers, Lynx, CapTrader), Margin-Konto |
| Steuer | Kapitalforderung, Abgeltungssteuer, Verluste voll verrechenbar | Termingeschäft, Abgeltungssteuer, Verluste seit dem Jahressteuergesetz 2024 wieder voll verrechenbar |
Der wichtigste Unterschied steht in der dritten Zeile. Mit Optionsscheinen kannst du nur kaufen, also nur Zeitwert bezahlen. Mit Optionen kannst du auch die Gegenseite einnehmen, also Zeitwert kassieren. Wer Optionen schreibt, verkauft anderen die Chance und erhält dafür die Prämie. Das ist die Grundlage von Strategien wie Covered Calls oder der Wheel-Strategie, die vom Zeitwertverlust profitieren, statt darunter zu leiden. Es ist aber auch die Seite mit dem theoretisch unbegrenzten Risiko, denn ein geschriebener Call ohne Deckung verhält sich wie ein Leerverkauf.
Für Einsteiger ist der Optionsschein der einfachere Zugang, weil er ohne Margin, ohne Terminmarkt-Freischaltung und mit kleinen Beträgen funktioniert. Wer regelmäßig handelt, größere Beträge einsetzt oder Prämien einnehmen will, wächst irgendwann in den Optionshandel hinein. Das Emittentenrisiko und die von der Bank gestellten Kurse fallen dort weg, dafür braucht es mehr Kapital und mehr Wissen.
Wie Optionen an der Eurex gehandelt werden und wie die Wheel-Strategie mit geschriebenen Puts und Calls funktioniert, erklärt der Goldesel-Guide Optionen und die Wheel-Strategie.
Emittentenrisiko, Spread und Kosten
Drei Kostenfaktoren gehören in jede Optionsschein-Rechnung. Der Spread, also die Differenz zwischen An- und Verkaufskurs, wird vom Emittenten gestellt und liegt bei liquiden Basiswerten oft bei 1 bis 2 Prozent des Scheinpreises, bei exotischen Basiswerten und kurzen Laufzeiten auch deutlich höher. Bei einem Schein zu 0,85 EUR ist ein Spread von 0,02 EUR schon 2,4 Prozent, die du bei jedem Hin und Her bezahlst.
Die implizite Volatilität ist der zweite, versteckte Kostenfaktor. Der Emittent bestimmt, mit welcher Volatilität er den Schein bepreist, und diese Angabe ist nicht immer identisch mit der Volatilität, die am Terminmarkt gehandelt wird. Zwei Scheine verschiedener Emittenten auf denselben Basiswert mit gleichem Basispreis und gleicher Laufzeit können deshalb unterschiedlich viel kosten. Ein Vergleich über Portale wie die Börse Stuttgart, onvista oder finanzen.net lohnt sich, dort lassen sich Scheine nach implizierter Volatilität, Spread und Omega sortieren.
Das Emittentenrisiko ist der dritte Punkt. Optionsscheine sind Schuldverschreibungen, und bei einer Insolvenz des Emittenten kann der Schein wertlos werden, unabhängig vom Basiswert. Bei den großen Emittenten ist das Risiko gering, aber es existiert, und wer größere Beträge in Optionsscheinen hält, sollte sie auf mehrere Emittenten verteilen.
Wann Optionsscheine sinnvoll sind
Optionsscheine sind die richtige Wahl, wenn du eine Kursbewegung erwartest, aber nicht weißt, wann sie kommt, und wenn du zwischenzeitliche Rücksetzer aushalten willst. Anders als der Knock-Out kennt der Optionsschein keine Schwelle. Eine Aktie, die erst 10 Prozent fällt und dann 25 Prozent steigt, ist für einen Knock-Out mit enger Schwelle der Totalverlust, für einen Call mit ausreichender Laufzeit ein Gewinn. Dafür bezahlst du mit Zeitwert und trägst das Volatilitätsrisiko.
Sinnvoll sind Optionsscheine außerdem zur Absicherung. Puts auf einen Index sind die einfachste Möglichkeit, ein Depot gegen eine Korrektur zu schützen, ohne zu verkaufen. Die Prämie ist die Versicherungsgebühr, und wie bei jeder Versicherung ist sie meistens umsonst und manchmal Gold wert.
Weniger sinnvoll sind Optionsscheine, wenn du eine kurze, klare Bewegung in den nächsten Tagen erwartest und ohnehin mit engem Stopp arbeitest. Dann ist der Knock-Out günstiger und transparenter. Und sie sind in der Regel eine schlechte Wahl unmittelbar vor Quartalszahlen, weil die implizite Volatilität dann hoch ist und der IV Crush nach den Zahlen den Kursgewinn auffressen kann.
Drei Regeln helfen bei der Auswahl. Erstens: Laufzeit großzügig wählen, mindestens doppelt so lang wie der Zeitraum, in dem du die Bewegung erwartest, damit Theta nicht zum Hauptgegner wird. Zweitens: Scheine am Geld oder leicht im Geld bevorzugen, weil dort Delta und Omega im ausgewogenen Bereich liegen. Drittens: den Schein nicht bis zum Laufzeitende halten, sondern verkaufen, sobald die Bewegung gelaufen ist, weil der Zeitwert in den letzten Wochen am schnellsten verdampft.
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Risikohinweis
Optionsscheine können bis zum Laufzeitende ihren gesamten Wert verlieren, auch wenn der Basiswert nicht fällt. Zeitwertverlust und sinkende Volatilität wirken unabhängig von der Kursrichtung gegen dich. Setze nur Kapital ein, dessen Totalverlust dein Depot nicht spürbar belastet, und halte den Anteil gehebelter Positionen klein. Dieser Artikel ist keine Anlageberatung.
Wie Knock-Out-Zertifikate funktionieren und wann sie einem Optionsschein vorzuziehen sind, mit direkter Vergleichstabelle, erklärt der nächste Teil des Kurses: Knock-Out-Zertifikate: Funktionsweise, Hebel und Risiko. Alle Lektionen im Überblick findest du auf der Kursseite Trading und Investieren für Fortgeschrittene.
Zusammenfassung: Optionsscheine einfach erklärt
✅ Ein Optionsschein ist ein von einer Bank herausgegebenes Wertpapier, das dir das Recht gibt, einen Basiswert bis zu einem Datum zu einem festen Preis zu kaufen (Call) oder zu verkaufen (Put). Ein Recht, keine Pflicht.
✅ Basispreis, Laufzeit und Bezugsverhältnis bestimmen, was du kaufst. Das Bezugsverhältnis von 0,1 bedeutet, dass zehn Scheine einer Aktie entsprechen.
✅ Der Preis besteht aus innerem Wert und Zeitwert. Am Geld ist der Schein reiner Zeitwert, und dieser schmilzt jeden Tag, beschleunigt zum Laufzeitende hin.
✅ Drei Faktoren bewegen den Preis: der Kurs (Delta), die Zeit (Theta) und die implizite Volatilität (Vega). Ein Call kann verlieren, obwohl die Aktie steigt, wenn die Volatilität fällt.
✅ Der Hebel auf dem Datenblatt ist der einfache Hebel. Der effektive Hebel heißt Omega und ist einfacher Hebel mal Delta. Billige Scheine weit aus dem Geld haben hohen Nominalhebel, aber kaum Wirkung.
✅ Im Rechenbeispiel verliert ein Call am Geld nach drei Monaten ohne Kursbewegung rund 29 Prozent, bei fallender Volatilität rund 39 Prozent, und ist am Laufzeitende bei 105 EUR trotz gestiegener Aktie 41 Prozent im Minus.
✅ Optionsscheine unterscheiden sich von Optionen an der Eurex durch Emittent, Emittentenrisiko und die fehlende Möglichkeit, selbst Optionen zu schreiben und Prämien einzunehmen.
✅ Sinnvoll sind Optionsscheine bei unsicherem Zeitpunkt der Bewegung und zur Absicherung. Für kurze, klare Bewegungen mit engem Stopp ist der Knock-Out die einfachere Wahl, vor Quartalszahlen sind beide riskant.
Offenlegung wegen möglicher Interessenkonflikte
Die Autoren sind zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Analyse in den erwähnten Wertpapieren nicht investiert.
