Krypto-Haltefrist vor dem Aus? Das erwarten 46 Insider
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Der Kabinettstermin stand, dann platzte er. Am 14. Oktober sollte die Bundesregierung über die Abschaffung der einjährigen Haltefrist für Kryptowerte beraten. Am Vorabend wurde bekannt, dass der Entwurf des Bundesfinanzministeriums weiter in der Ressortabstimmung hängt. Vom Tisch ist das Vorhaben damit nicht. Laut Referentenentwurf vom 30. September sollen Gewinne aus Kryptowerten, die ab 2027 angeschafft werden, unabhängig von der Haltedauer wie Kapitalerträge besteuert werden. Für Altbestände ist ein Bestandsschutz vorgesehen.
Für den Insider Report im vierten Quartal haben wir die Haltefrist deshalb zur Sonderfrage gemacht. Befragt wurden die Teilnehmenden zwischen dem 5. und 12. Oktober, also noch vor der Absage des Kabinettstermins. 46 Expertinnen und Experten aus der Krypto- und Finanzbranche haben geantwortet. Die Umfrage führen wir wie gewohnt gemeinsam mit der IU Internationalen Hochschule durch, die wissenschaftliche Leitung liegt bei Prof. Dr. David Florysiak. Sie soll als Stimmungsbarometer der Krypto-Branche dienen, vergleichbar mit dem ifo-Geschäftsklimaindex oder den ZEW-Konjunkturerwartungen.
Neu ist in diesem Quartal, dass wir dieselben Fragen zeitgleich auch der BTC-ECHO Community gestellt haben. 274 Leserinnen und Leser haben teilgenommen. Wo es sich anbietet, stellen wir die Antworten der Insider denen der Community gegenüber. Die vollständige Auswertung der Community-Umfrage folgt in einem eigenen Report.
1. Krypto-Optimismus-Index: Die Stimmung dreht
Nach drei Rückgängen in Folge steigt der Optimismus der Insider wieder deutlich. Der Krypto-Optimismus-Index liegt im vierten Quartal bei 69,5 Punkten (46 Antworten). Im dritten Quartal waren es 60,5 Punkte, im zweiten 67,5 und im ersten 71,2 Punkte. Damit liegt der Index fast wieder auf dem Niveau vom Jahresbeginn.
Der Index bildet auf einer Skala von 0 bis 100 ab, wie optimistisch die Befragten auf die gesamte Krypto-Branche blicken, also auf Unternehmen und Markt. 78,3 Prozent sind optimistischer als im Vorquartal. Jeweils 10,9 Prozent sind weniger optimistisch oder sehen keine Veränderung. Im dritten Quartal hatten sich beide Lager mit 40,9 zu 34,1 Prozent noch fast die Waage gehalten.
Die Community kommt mit 70,3 Punkten auf einen nahezu identischen Wert. Bei der Grundstimmung liegen Insider und Privatanleger damit gleichauf.
2. Krypto-Geschäftsklima: Die Lage bleibt angespannt
Die aktuelle Lage der Krypto-Unternehmen bewerten die Insider spürbar besser als im Sommer, ins Plus schafft es der Index aber noch nicht. Der Krypto-Geschäftsklima-Index (Aktuelle Lage) steht bei minus 6,5 Punkten (46 Antworten). Im dritten Quartal lag er bei minus 40,5 Punkten, im zweiten bei minus 27,8 und im ersten noch bei plus 16,7 Punkten.
17,4 Prozent bewerten die wirtschaftliche Lage als gut, 58,7 Prozent als normal und 23,9 Prozent als schlecht. Der Index ergibt sich, indem der Anteil der negativen vom Anteil der positiven Bewertungen abgezogen wird. Im Vorquartal hatte noch fast jeder zweite Befragte die Lage als schlecht eingestuft.
3. Geschäftsklima-Erwartung: Höchster Wert des Jahres
Deutlich zuversichtlicher fällt der Blick nach vorn aus. Der Krypto-Geschäftsklima-Index für die kommenden sechs Monate steigt auf 65,2 Punkte (46 Antworten). Im dritten Quartal lag er bei 46,3, im zweiten bei 31,5 und im ersten bei 35,7 Punkten.
69,6 Prozent der Insider erwarten, dass sich die wirtschaftliche Lage der Krypto-Unternehmen verbessert. 26,1 Prozent rechnen mit keiner Veränderung, nur 4,3 Prozent mit einer Verschlechterung. Auffällig ist der Abstand zur aktuellen Lage. Die Gegenwart bewerten die Insider noch verhalten, für das kommende Halbjahr erwarten sie eine klare Erholung. Die Steuerdebatte drückt diese Erwartung bislang nicht.
4. Bitcoin-Prognose für einen Monat: 86.000 US-Dollar
Für Mitte November erwarten die Insider im Schnitt einen Bitcoin-Kurs von 86.000 US-Dollar (46 Antworten). Das entspricht einer erwarteten Rendite von 2,5 Prozent. Im dritten Quartal lag die Ein-Monats-Erwartung noch bei rund 61.500 US-Dollar. 73,9 Prozent der Befragten rechnen mit einem Kursplus.
Im pessimistischen Szenario, für das die Insider eine Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent ansetzen, fällt Bitcoin unter rund 68.400 US-Dollar. Im optimistischen Szenario, ebenfalls mit zehn Prozent Wahrscheinlichkeit, steigt der Kurs über rund 98.100 US-Dollar.
Der BTC-1M-Volatilitäts-Index liegt bei 13,2 Punkten nach 13,4 im Vorquartal. Die historische Volatilität vor der Umfrage betrug 12,9. Kurzfristig erwarten die Insider damit etwa so viel Bewegung, wie der Markt zuletzt tatsächlich gezeigt hat.
5. Bitcoin-Prognose für sechs Monate: Knapp unter 100.000 US-Dollar
Bis Anfang April 2027 erwarten die Insider im Schnitt einen Bitcoin-Kurs von rund 96.100 US-Dollar (45 Antworten). Das entspricht einer erwarteten Rendite von 14,6 Prozent. Vor drei Monaten lag die Sechs-Monats-Prognose für Anfang 2027 noch bei rund 74.500 US-Dollar. Diese Marke hat Bitcoin bereits deutlich hinter sich gelassen. 86,7 Prozent der Insider erwarten auf Sicht von sechs Monaten einen höheren Kurs.
Im pessimistischen Fall mit zehn Prozent Wahrscheinlichkeit rutscht Bitcoin unter rund 66.400 US-Dollar, im optimistischen Fall steigt er über rund 119.800 US-Dollar. Das Aufwärtspotenzial schätzen die Insider damit deutlich größer ein als das Abwärtsrisiko.
Der BTC-6M-Volatilitäts-Index liegt bei 24,1 Punkten und damit klar unter der historischen Volatilität von 31,7. Im Vorquartal stand er noch bei 31,5. Die Insider rechnen also mit einem ruhigeren Markt als in den vergangenen zwölf Monaten.
Die Community liegt mit ihrer Sechs-Monats-Prognose von rund 97.400 US-Dollar (259 Antworten) nur knapp darüber. Ihre erwartete Volatilität fällt mit 25,6 Punkten etwas höher aus.
6. Krypto-Markt: Das denken die Insider
Bitcoin hat sich seit dem Sommer deutlich erholt. Ob daraus ein neuer Bullenmarkt wird, ist unter den Insidern umstritten. Einig sind sich viele darin, dass der Markt selektiver wird. "Der Kryptomarkt befindet sich aktuell in einer Phase der Selektion", schreibt Andreas Lipkow, Chefmarktanalyst bei dem Broker CMC Markets. Besonders Bitcoin-Miner geraten durch hohe Kosten und steigenden Wettbewerbsdruck unter Margendruck, während Unternehmen wie Coinbase und Strategy ihre Geschäftsmodelle beziehungsweise Bitcoin-Bestände weiter ausbauen.
Bullenmarkt oder Bären-Rallye?
Für Bernhard Wenger, Head of Northern Europe beim Krypto-ETF-Anbieter 21Shares, ist die nächste Wegmarke klar umrissen. "Wir halten einen Bitcoin-Kurs von rund USD 100.000 bis zum Jahresende für das wahrscheinlichste Szenario." Noch weiter geht Wagniskapitalexperte Alex von Frankenberg, ehemaliger Geschäftsführer des High-Tech Gründerfonds. "Auch wenn es sich nicht so anfühlt, wir sind im Bullenmarkt, der nun noch eine ganz Weile anhalten wird und uns Ende 2027 zu neuen All-time-highs bringen wird."
Skeptischer blickt Mirco Recksiek, Geschäftsführer von Bitcoin2Go, auf die Erholung. "Der Krypto-Markt hat nach wie vor das Problem, dass zu wenig 'frisches' Geld in den Markt dringt." Sollte Bitcoin an der Marke von 100.000 US-Dollar scheitern, droht aus seiner Sicht "ein böses Erwachen". "Denn dann bleibt es eine Bären-Rallye. Mehr ist es aktuell noch nicht."
Den Grund für die Zurückhaltung sehen mehrere Insider im Makroumfeld. Mit einem Rückgang von 53 Prozent vom Hoch bis zum Tief war der zurückliegende Bärenmarkt für David Scheider von der Digital Asset Boutique Teroxx "der mildeste in der Geschichte von Bitcoin". Neue Allzeithochs erwartet er trotzdem vorerst nicht. Solange die zehnjährige US-Rendite über 5 Prozent liegt, die Inflation bei 3,4 Prozent verharrt und die Fed eher über Zinserhöhungen als über Senkungen nachdenkt, fehlt der Rückenwind für den nächsten großen Schub." Noch pessimistischer ist Christian Viehof, CFO von der Wiener Krypto-Beratung Validvent, der auch aus Washington wenig Rückenwind erwartet. "Die 10- und 30-jährigen Treasuries liegen mit über 5 Prozent auf dem höchsten Niveau seit über 20 Jahren, getrieben von hartnäckiger Inflation und der Erwartung weiterer Fed-Erhöhungen."
Altcoins und Unternehmen: Comeback mit Auslese
Bei Krypto-Unternehmen erwartet Dr. Jan Beinke von 360T, der Handelsplattform der Deutschen Börse, "eine zunehmende Spreizung". "Die Gewinner der nächsten Marktphase werden diejenigen sein, die Liquidität effizienter aggregieren, Kosten strukturell senken und Skaleneffekte realisieren und damit nachhaltige Wertschöpfung schaffen, anstatt primär von positivem Marktsentiment und zyklischen Kapitalzuflüssen abhängig zu sein."
Am offensivsten positioniert sich Martin Bechter, Geschäftsführer des Wiener Krypto-Investmenthauses Fountainhead Digital. "Wir rechnen in den kommenden sechs bis zwölf Monaten mit einem sehr dynamischen Altcoin-Bullenmarkt. Die Megatrends der Branche, allen voran Stablecoins, Tokenisierung und AI, finden nicht auf Bitcoin statt." Das hat aus seiner Sicht Folgen für viele Einsteiger. "Wer, wie viele Erstinvestoren, ausschließlich in Bitcoin investiert ist, nimmt an dieser Entwicklung kaum teil." Profitieren werden aus seiner Sicht aber nur "fundamental starke Projekte, die bereits einen oder zwei Bärenmärkte überstanden haben". Der Schweizer Finanzexperte Jürgen Kob, Inhaber von Friends & Finance, schaut bei Unternehmen auf die Ertragsbasis. "Geschäftsmodelle mit wiederkehrenden Einnahmen und einer tragfähigen Kostenstruktur schätze ich robuster ein. Die Marktstimmung kann eine Erholung beschleunigen."
Infrastruktur statt Spekulation
Unabhängig vom Kurs sehen viele Insider einen strukturellen Wandel. "Der Kryptomarkt entwickelt sich zunehmend von Spekulation hin zu einer institutionellen Finanzinfrastruktur. Tokenisierung, Stablecoins und DeFi treiben diesen Wandel voran", schreibt Jan Carlos Janke, Dozent und Studiengangsleiter an der Hochschule Luzern. Jürg Baltensperger, Gründer des Schweizer Beratungsunternehmens JayBee, sieht den Markt reif für Vermögensverwalter und Pensionskassen. "Eine Krypto-Beimischung von ca. 3 Prozent balanciert ein Portfolio besser und führt zu weniger Risiken bei erhöhtem Gewinnpotential." Regulatorisch erwartet er allerdings "weitere Hürden und eine Abwanderung von Startups und Innovation in andere, kryptofreundlichere Jurisdiktionen".
Michael Wild von Depositly erwartet mittel- bis langfristig "eine weitere Professionalisierung und Konsolidierung". Marko Windeln vom Schweizer Hardware-Wallet-Hersteller Tangem richtet den Blick auf die realen Nutzen. "Für mich geht es bei Krypto immer weniger nur um Kurse. Wir sehen immer mehr echte Anwendungen und genau das wird die Branche weiterbringen." Albert Quehenberger, CEO des Krypto-Forensik-Spezialisten AQ Forensics, nimmt Europa in die Pflicht. "Der Kryptomarkt entwickelt sich bereits heute schneller als viele regulatorische und behördliche Prozesse. KI wird diese Dynamik noch einmal deutlich beschleunigen. Umso wichtiger ist es, dass Europa nicht nur verwaltet, sondern gestaltet."
Weitere Stimmen ergänzen das Bild. Stablecoins, Tokenisierung und Custody werden laut Henning Daut vom Beratungsunternehmen hy "gerade von Banken und Corporates ernsthaft angegangen, nicht mehr nur als Pilot". Steuerberater Matthias Steger von Andromeda Tax ist überzeugt, "AI braucht Blockchain und Cryptowerte". Maximilian Klein, Steuerberater bei der Steuerberatungskanzlei Klein, sieht den Markt "durch Makrofaktoren wie Ölpreis und Fed belastet", bleibt langfristig aber konstruktiv. Für Daniel Winklhammer, CEO der Salzburger Bitcoin-App 21bitcoin, hat Bitcoin "eine langfristige Bedeutung als knapper, global zugänglicher Vermögenswert".
Die Kursfrage spaltet die Insider. Bei der Richtung der Branche, hin zu Infrastruktur, Regulierung und echten Geschäftsmodellen, gibt es dagegen kaum Widerspruch.
7. Sonderfrage Haltefrist: Die Ergebnisse in Zahlen
Dass eine Abschaffung der Haltefrist dem Kryptomarkt in Deutschland schadet, darin sind sich die Insider weitgehend einig. Wie groß der Schaden ausfällt, beurteilen sie aber vorsichtiger als die Community.
Krypto-Nachfrage: D��mpfer erwartet
65,2 Prozent der Insider erwarten, dass die Nachfrage deutscher Privatanleger nach Kryptowerten sinkt, wenn die Haltefrist fällt. Die meisten von ihnen rechnen allerdings nur mit einem leichten Rückgang. 37,0 Prozent antworten mit "eher sinken", 19,6 Prozent mit "sinken" und lediglich 8,7 Prozent mit "deutlich sinken". 23,9 Prozent erwarten keine Veränderung, 6,5 Prozent sogar eine steigende Nachfrage.
Die Community fällt ein deutlich härteres Urteil über die eigene Zielgruppe. 80,1 Prozent erwarten eine sinkende Nachfrage, mehr als jeder Fünfte sogar einen deutlichen Rückgang.
Anlegerverhalten: Mehr Trading, weniger Investitionen
Als wichtigste Verhaltensänderung nennen die Insider verstärktes kurzfristiges Trading (28,3 Prozent), knapp vor weniger neuen Investitionen in Kryptowerte (26,1 Prozent). 17,4 Prozent erwarten einen Wechsel in Krypto-ETPs, Fonds oder ähnliche Produkte. 10,9 Prozent sehen keine wesentliche Änderung. Ausweichbewegungen auf Offshore-Handelsplätze, dezentrale Plattformen oder Self-Custody, um Meldepflichten oder Steuern zu umgehen, halten 8,7 Prozent für die wichtigste Folge. Einen Umzug ins Ausland nennen 6,5 Prozent.
Die Community selbst setzt andere Schwerpunkte. Bei ihr steht der Rückzug mit weniger Neuinvestitionen (30,9 Prozent) klar vorn. Offshore-Ausweichbewegungen und die Verlagerung des Wohn- oder Steuersitzes ins Ausland nennen jeweils 12,5 Prozent und damit deutlich mehr als die Insider mit 8,7 und 6,5 Prozent.
Wahrscheinlichkeit: Zwei Drittel rechnen mit dem Beschluss
Im Schnitt halten die Insider es zu 65,4 Prozent für wahrscheinlich, dass die Abschaffung innerhalb der nächsten sechs Monate gesetzlich beschlossen wird (41 Antworten, Median 70 Prozent). 70,7 Prozent von ihnen setzen die Wahrscheinlichkeit über 50 Prozent an. Fünf Teilnehmende gaben keine Einschätzung ab. Die Community kommt auf einen Mittelwert von 68,6 Prozent bei einem Median von 75 Prozent.
Wichtig für die Einordnung ist der Zeitpunkt. Beide Umfragen liefen, bevor die Kabinettsbefassung am 14. Oktober abgesagt wurde. Ein neuer Termin ist bislang nicht bekannt.
Schlecht für Deutschland
Am deutlichsten fällt das Urteil zur Standortattraktivität aus. 73,9 Prozent der Insider erwarten, dass sich Deutschland als Standort für Krypto-Unternehmen verschlechtert, 30,4 Prozent sogar deutlich. 19,6 Prozent sehen keine Veränderung, nur 6,5 Prozent eine Verbesserung. In der Community erwarten sogar 87,5 Prozent eine Verschlechterung, mehr als die Hälfte eine deutliche.
8. Haltefrist: So bewerten die Insider die Reform
Wie unsicher der politische Prozess ist, hatte Henning Daut schon vor der Absage des Kabinettstermins angedeutet. "Ich glaube auch nicht, dass die Politik das in den nächsten Monaten schon durchzieht." In der Sache ist das Urteil des Senior Vice President bei hy klar. "Fällt die Haltefrist, ist Krypto steuerlich ein normales Wertpapier, nur ohne dessen Infrastruktur. Das nimmt Privatanlegern den Hauptgrund, überhaupt langfristig zu halten. Ich rechne deshalb eher mit weniger Neueinsteigern als mit einer Welle in ETPs."
Bitpanda: Die Ausgestaltung entscheidet
Bei Bitpanda fällt die Bewertung differenziert aus. Dietmar Schantl-Ransdorf von Bitpanda Wealth hält die Abschaffung "innerhalb der nächsten sechs Monate für durchaus wahrscheinlich", einen nachhaltigen Rückgang der Nachfrage erwartet er aber nicht. "Steuern beeinflussen das Verhalten kurzfristig, das langfristige Potenzial von Krypto verändern sie nicht." Für die Standortattraktivität seien "vor allem regulatorische Klarheit, Rechtssicherheit und verlässliche Rahmenbedingungen entscheidend".
Sein Kollege Benedikt Faupel, Public Affairs Lead bei Bitpanda, richtet den Blick auf die Details. "Die Abschaffung der Haltefrist ist schlecht für den Standort Deutschland, aber politisch kaum noch aufzuhalten. Entscheidend ist jetzt die Ausgestaltung: Ohne steuerneutralen Krypto-zu-Krypto-Tausch nach österreichischem Vorbild belastet die Reform vor allem langfristige Anleger und regulierte europäische Anbieter und treibt Handelsvolumen in unregulierte Märkte."
Auch Raphael Neuberger, COO und CFO von Cashlink, erwartet keinen Umbruch, sondern "lediglich jeweils zum Jahresende steuertaktische Käufe oder Verkäufe und einen leicht verstärkten Trend hin zu ETPs und Liquid Funds". Statt einer Abschaffung wünscht er sich "eine Verlängerung der Frist auf 5 Jahre", einheitlich auch für Gold und Immobilien.
Ein volkswirtschaftliches Minusgeschäft?
Deutlich kritischer rechnet Dr. Jan Beinke von 360T. "Die Reaktion vieler Anleger dürfte absehbar sein: weniger Neuinvestitionen, stärkere steuerliche Optimierung und eine Verlagerung hin zu alternativen Anlageformen und Standorten. Was der Fiskus kurzfristig an zusätzlichen Steuern einnimmt, könnte Deutschland langfristig durch entgangene Investitionen, Wertschöpfung und künftige Steuereinnahmen mehr als verlieren. Unter dem Strich droht ein volkswirtschaftliches Minusgeschäft."
David Kurz, Business Development Manager bei Bitvavo, sieht vor allem die Falschen getroffen. "Die geplante Abschaffung der Haltefrist bestraft ausgerechnet Langzeitinvestoren: Wer über Jahre Vermögen aufbaut, wird künftig genauso besteuert wie jemand, der nach wenigen Wochen verkauft, und Geduld zahlt sich steuerlich nicht mehr aus." Zugleich verliere Deutschland an Anziehungskraft, "denn Kapital und Talente sind mobil und wandern dorthin, wo die Rahmenbedingungen verlässlicher sind".
Florian Döhnert-Breyer, Geschäftsführer vom Krypto-Fonds F5 Crypto Capital, denkt an die vermögenden Investoren, die Deutschland bislang angezogen hat. "Diese investieren, gründen Firmen, zahlen diverse andere Steuern und sind wertvoll für die Wirtschaft. Diese Klientel wird Deutschland unter der Neuregelung leider nicht mehr anziehen." Von Frankenberg erwartet, dass Krypto-Unternehmer künftig "im Ausland gründen". Am schärfsten formuliert es Chris Seedor, CEO von Bitsurance. "Mit der Abschaffung der Haltefrist würde Deutschland einen seiner wenigen echten Standortvorteile für Bitcoin-Investoren mutwillig verspielen – auf Grundlage grotesk optimistischer Steuerschätzungen, die jeder wirtschaftlichen Realität spotten."
Steuerberater: Gold bleibt steuerfrei, Bitcoin nicht
Für die befragten Steuerexperten ist die Haltefrist nur ein Teil des Problems. Afra Stöhr, Steuerberaterin und Mitgründerin der Kanzlei SWTAX, fordert vor allem Rechtssicherheit. "Es gibt keine andere Einkunftsquelle, die verkauft werden muss, um die Steuern in Fiat leisten zu können. Wir brauchen eine Regelung, die dem gerecht wird. Die Haltefrist ist da unser kleinstes Problem. Aber ja, ohne sie verlieren wir unsere letzte Attraktivität als Standort auch noch."
Steuerexperte Klein rät Anlegern zur Vorsorge. "Für Anleger wird der Stichtag 31.12.2026 entscheidend. Saubere Anschaffungsnachweise und eine lückenlose Bestandsdokumentation sind jetzt Pflicht." Kritisch sieht er die Ungleichbehandlung gegenüber Gold und Fremdwährungen. "Verfassungsrechtliche Fragen sind deshalb absehbar."
Den Vergleich mit Gold ziehen auch andere. Jannick Broering, Head of Trading bei Teroxx, nennt die Abschaffung "steuerpolitisch inkonsistent. Insbesondere im direkten Vergleich zu Vermögenswerten wie physischem Gold, die nach Ablauf eines Jahres weiterhin steuerfrei veräußert werden können." Martin Postweiler, Co-Founder von nupont, fehlt "bis heute eine nachvollziehbare Aussage, warum Kryptowerte oder NFTs höher als Edelmetalle oder Kunstwerke besteuert werden sollen". Sein Urteil fällt deutlich aus. "Die (Krypto-)Welt würde davon nicht untergehen, aber es wäre trotzdem schlicht dumm, denn Willkür und Innovationsgeist passen nicht zusammen." Steuerexperte Steger warnt vor den fiskalischen Folgen. "Der Systemwechsel von Spekulationseinkünften zu einer Abgeltungssteuer ohne empirische Grundlagen ist ein politischer Fehler und birgt große Risiken für Haushalt und Verwaltung."
Einen anderen Blickwinkel bringt Tami Mönnig von TAxMON ein, Steuerrechtlerin und Beraterin für Kryptowerte und Steuern. Weil deutsche Anleger die Kapitalertragsteuer aus anderen Anlageklassen gewohnt seien, könnte der Einstieg "für einige Neuanleger attraktiver" werden.
Falsches Signal für Langfristanleger
"Die Abschaffung der Haltefrist ist das falsche politische Signal", schreibt Kerstin Kee Eismann von Autonomous Ventures. "Es vermittelt, dass langfristiger Vermögensaufbau nicht incentiviert wird, sondern stattdessen kurzfristiger Konsum." Lipkow erwartet, dass sich das Anlageverhalten "stärker in Richtung kurzfristiger Gewinnmitnahmen, taktischer Umschichtungen und einer stärkeren Orientierung an der Nachsteuerrendite verschieben" wird.
Winklhammer kennt die Praxis aus Österreich, wo 21bitcoin die Steuer automatisch abführt. "Die korrekte Ermittlung und Abführung der Steuer bindet erhebliche technische und personelle Ressourcen. Gleichzeitig ist das Steueraufkommen aus unserer Sicht überschaubar." Sollte die Reform kommen, brauche es "verlässlichen Bestandsschutz, praxistaugliche Regeln und ausreichend Zeit für die Umsetzung".
Gelassenheit bei den Profis
Nicht alle Insider erwarten große Verwerfungen. Broering verweist darauf, dass die große Mehrheit der Investoren aus dem traditionellen Finanzsektor stammt, "in dem Kapitalertragsteuern seit jeher Standard und fest in den Kalkulationen verankert sind". Armin Schmid, CEO der Copper Markets (Liechtenstein) AG, kann der Reform sogar Positives abgewinnen. "Die Gleichstellung mit Wertpapieren schafft Klarheit und etabliert Krypto als reguläre Anlageklasse. Kurzfristig erwarte ich Vorzieheffekte und Unsicherheit, langfristig aber eine Professionalisierung des Marktes." Moritz Schildt, CEO von coinIX, hält es für "konsequent", Altcoins, die zunehmend wie Aktien funktionieren, vergleichbar mit anderen Kapitalanlageprodukten zu besteuern.
Quehenberger verweist auf das Nachbarland. "Ähnliches haben wir in Österreich bereits erlebt, wo die steuerliche Neuregelung teilweise auch rückwirkend auf bereits vor ihrem Inkrafttreten erworbene Kryptowerte angewendet wurde. Investiert wurde trotzdem weiter."
Jahresendrally durch den Stichtag?
Kurzfristig könnte der geplante Bestandsschutz den Markt sogar beleben. Recksiek hofft noch auf die Union, rechnet bei einem Aus der Haltefrist aber "mit vielen Käufen noch in diesem Jahr unter Annahme eines Bestandsschutzes". Viehof sieht das ähnlich. "Aufgrund des geplanten Bestandsschutzes für Altbestände könnte es bis zum 31.12.2026 zu verstärkten Krypto-Käufen kommen."
Weitere Insider setzen eigene Akzente. Lutz Victor Wengorz, Projektmanager bei der mwb fairtrade Wertpapierhandelsbank AG, hält die Diskussion für "reine Symbolpolitik". Scheider verweist auf Anlagegold, für das die Begründung des Ministeriums "genauso" zutreffe. Malte Häusler, CEO von Timeless Investments, glaubt, dass es illiquide Tokenprojekte künftig "schwer haben" werden.
Die Insider rechnen mehrheitlich nicht mit dem Ende des Krypto-Investments in Deutschland. Sie erwarten aber, dass Anleger anders investieren und der Standort an Boden verliert. Ob das Finanzministerium diesen Preis für rund 350 Millionen Euro Mehreinnahmen pro Jahr zahlen will, muss sich nun in der Ressortabstimmung zeigen.
Teilnehmende der Krypto-Expertenumfrage Q4 2026
Jürg Baltensperger (JayBee), Martin Bechter (Fountainhead Digital), Jan Beinke (360T), Jannick Broering (Teroxx), Mauro Casellini (Celsion Bank), Ingo Czok (nupont), Henning Daut (hy), Florian Döhnert-Breyer (F5 Crypto Capital), Benedikt Faupel (Bitpanda), Prof. Dr. David Florysiak (IU Internationale Hochschule), Alex von Frankenberg (May Ventures), Anna Graf (Bertelsmann), Malte Häusler (Timeless Investments), Milko Hensel (Maerki Baumann), Werner Hoffmann (Pekuna), Markus Hujara (Greenfield Capital), Jan Carlos Janke (Hochschule Luzern), Kerstin Kee Eismann (Autonomous Ventures), Maximilian Klein (Steuerberatungskanzlei Klein), Jürgen Kob (Friends & Finance), Ralf Kubli (Validation Cloud), David Kurz (Bitvavo), Thomas Langbein (Trever), Andreas Lipkow (CMC Markets), Tami Mönnig (TAxMON), Raphael Neuberger (Cashlink), Paul Noll, Martin Postweiler (nupont), Alexander Rapatz (Black Manta Capital), Mirco Recksiek (Bitcoin2Go), Dietmar Schantl-Ransdorf (Bitpanda Wealth), David Scheider (Teroxx), Moritz Schildt (coinIX), Armin Schmid (Copper), Joachim Schwerin (Europäische Kommission), Chris Seedor (Bitsurance), Matthias Steger (Andromeda Tax), Afra Stöhr (SWTAX), Vinzenz Treytl (ABC Research), Christian Viehof (Validvent), Bernhard Wenger (21Shares), Lutz Victor Wengorz (mwb fairtrade Wertpapierhandelsbank), Michael Wild (Depositly), Marko Windeln (Tangem), Daniel Winklhammer (21bitcoin), Daud Zulfacar (Berchain)
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