Kommentar
13:00 Uhr, 13.04.2026

Euro-Rettung Onchain: Wie Qivalis die Dollarisierung Europas verhindern möchte

Warum die EZB allein keine Euro-Souveränität sichern kann und Europa ohne einen liquiden Euro-Stablecoin stärker in Richtung US-Dollar gedrängt werden könnte, erklärt Qivalis-CEO Jan-Oliver Sell im Gespräch mit BTC-ECHO.

Stablecoins zeigen besonders deutlich die US-Dominanz im Krypto-Sektor. Während die Europäische Union schneller darin war, mit der MiCA eine umfassende Regulierung auf den Weg zu bringen, findet die Wertschöpfung und Standardsetzung vor allem in den USA statt. Der Marktanteil von Euro-Stablecoins beträgt gerade einmal 0,2 Prozent, anstatt 20 Prozent wie im regulären Markt. Die zweitwichtigste Währung der Welt spielt auf der zukünftigen Finanzinfrastruktur keine Rolle, die zu 99 Prozent vom US-Dollar dominiert ist.

Eine Person, die sich aufmacht, das zu ändern, ist Jan-Oliver Sell. Und seine Botschaft ist klar: “Wenn wir keinen Euro onchain haben, wird es der US-Dollar sein”, sagt Sell. “Das wäre für Europa ein Desaster.” Der ehemalige Coinbase-Deutschland-Manager hat nun die Position des CEO von Qivalis inne. Qivalis ist kein normales Startup, sondern vereint die mächtigsten Banken Europas hinter sich.

Die EZB kann nicht allein für Euro-Souveränität sorgen

Die naheliegende Antwort aus Europa zur US-Dominanz lautet bislang: der digitale Euro von der EZB. Doch genau hier liegt das Missverständnis, das viele Politikerinnen und Politiker nicht verstehen.

Nach aktuellem Stand wird der digitale Euro weder auf öffentlichen Blockchains laufen noch direkt mit ihnen kompatibel sein. “Der digitale Euro wird, nach allem, was wir aktuell wissen, nicht onchain sein”, sagt er. “Er wird voraussichtlich auf einem zentralen Ledger liegen.”

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Damit bleibt er in einem geschlossenen System. Allerdings läuft das, was gerade entsteht, nicht in geschlossenen Systemen. Es läuft auf offenen Infrastrukturen. DeFi, tokenisierte Assets, automatisiertes Settlement – all das passiert auf Blockchains.

“Diese Verknüpfung möchten wir mit dem Euro Stablecoin schaffen”, sagt Sell. Der digitale Euro kann diese Rolle nicht ganzheitlich übernehmen. Oder anders gesagt: Er kann Zahlungen abbilden. Aber nicht die Infrastruktur, auf der sich Finanzmärkte gerade neu organisieren.

Stablecoins: “Ohne Liquidität ist alles tot”

Es gibt bereits einige Stablecoin-Emittenten, auch im Euro-Raum. Allerdings konnte bislang keiner ausreichend Liquidität aufbauen. “Wenn wir es nicht schaffen, einen Euro onchain zu bringen, der wirklich funktioniert, überlassen wir dem US-Dollar das Feld.”

Und genau daraus ergibt sich der Ansatz hinter Qivalis. “Es macht keinen Sinn, wenn jede Bank ihren eigenen, isolierten Stablecoin baut”, sagt Sell. “Das würde zwangsläufig zu einer Zersplitterung der Liquidität und zu einem Mangel an einheitlichen Standards führen.”

“Erfolg verspricht hier nur ein Konsortium – ein Weg, den wir bereits mit unseren Partnerbanken eingeschlagen haben.” Aktuell sind zwölf Banken beteiligt, darunter ING, UniCredit und BNP Paribas. Weitere Gespräche laufen. Der Hintergrund ist weniger strategische Kooperation als Notwendigkeit, denn letztlich gilt: “Ohne Liquidität ist alles tot.”

Der Euro-Flickenteppich

Für Sell ist das kein neues Muster. “Das Ganze ist schon mal in den USA passiert”, sagt er mit Blick auf das 19. Jahrhundert. “Da hat auch jede Bank ihren eigenen Coin gehabt.” Das Ergebnis war eine ineffiziente Fragmentierung. Und am Ende keine nachhaltige Lösung.

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Genau das droht seiner Ansicht nach auch heute. “Wenn jede Bank das selber baut, hat man wieder eine fragmentierte Landschaft.“ Schließlich existieren bereits einige Initiativen, aber es fehlt die kritische Masse. Während sich in den USA dominante Anbieter durchgesetzt haben, bleibt Europa zersplittert und verliert damit an Relevanz.

Niemand nutzt bislang Euro-Stablecoins

Am Ende entscheidet sich für Sell vieles an einem Punkt, der oft unterschätzt wird: Nutzung.

“Ein Onchain-Euro ohne ausreichende Liquidität ist problematisch. Für institutionelle Akteure ist ein solches Asset in der Praxis kaum nutzbar.“ Deshalb geht es bei Qivalis nicht nur darum, einen Stablecoin zu emittieren, sondern darum, ein funktionierendes Umfeld zu schaffen, in dem dieser auch tatsächlich eingesetzt wird.

“Wir müssen ein komplettes Ökosystem rund um den Euro Stablecoin orchestrieren”, sagt Sell, und meint damit konkret Börsen, DeFi-Protokolle, Banken und Asset Manager. “Wir müssen die Krypto-Welt davon überzeugen, nativ mit dem Euro zu arbeiten.” Erst wenn Lending, Borrowing und Settlement auch in Euro stattfinden, entsteht eine echte Alternative zum US-Dollar.

Die Euro-Architektur ist nicht nur eine Frage der Effizienz

Die Effizienzfrage ist dabei nur die sichtbare Oberfläche eines viel größeren Strukturwandels. “Heutzutage dauern internationale Transaktionen teils immer noch mehrere Tage”, sagt Sell. “Mit der Blockchain-Technologie verkürzen wir diesen Zeitraum auf etwa zehn Minuten.” Diese Verkürzung von Abwicklungszeiten ist kein Selbstzweck, sondern die Voraussetzung dafür, dass sich Finanzprozesse überhaupt in Richtung automatisierter, programmierbarer Systeme entwickeln können.

Gleichzeitig entsteht ein mehrschichtiges Geldsystem, in dem unterschiedliche Formen nebeneinander existieren. Zentralbankgeld, etwa in Form eines digitalen Euro, bleibt die unterste Vertrauensebene, wird aber voraussichtlich nicht direkt in offenen Blockchain-Systemen genutzt werden.

Tokenisiertes Giralgeld: “Das wird noch ein bisschen dauern”

Darüber bewegen sich Banken und ihre Bilanzen. Tokenisiertes Giralgeld sieht Sell langfristig als Ergänzung, kurzfristig jedoch als schwer umsetzbar, weil dafür eine deutlich höhere Interoperabilität zwischen Banken notwendig wäre. “Das wird noch ein bisschen dauern”, sagt er. Der Stablecoin übernimmt in diesem Konstrukt eine andere Rolle. “Der Stablecoin ist die Schnittstelle zwischen der Fiat-Welt und der Blockchain.” Er ist das Instrument, das heute schon nutzbar ist und die Verbindung in offene Systeme herstellt, während andere Geldformen entweder noch nicht integriert sind oder technisch außerhalb dieser Infrastruktur bleiben.

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