Digitale Wertpapiere: Brüssel verspielt Europas letzten Vorsprung
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Wer wissen will, wie aus einem Vorsprung ein Rückstand wird, sollte nach Brüssel schauen. Während SEC-Chef Paul Atkins gerade einen Token Safe Harbor auf den Weg bringt und parallel eine Nasdaq-Pilotphase für tokenisierte S&P-500-Aktien genehmigt wurde, debattiert die EU noch über das Wann und Ob ihres Market Integration and Supervision Package (MISP), das Voraussetzung für einen gemeinsamen digitalen Finanzmarkt in der EU ist.
Börse Stuttgart Group, Nasdaq, Union Investment und Co. mit klarer Forderung
An dieser Stelle setzt der Joint Letter – DLTPR Quick-Fix to Strengthen
Europe’s Competitiveness in Tokenised Assets – an, den am 21. April ein Bündnis an die EU-Kommissarin Maria Luís Albuquerque adressiert hat. Initiiert von der Börse Stuttgart Group, unterzeichnet von 39 Unternehmen und Verbänden aus ganz Europa, darunter Nasdaq, Union Investment, LBBW, Danske Bank, BVI, Bitkom, 21X, Nyala und Cashlink.
Sie fordern, dass die im Dezember von der Kommission vorgestellten Anpassungen am DLT-Pilotregime aus dem MISP-Paket herausgelöst und als eigenständige Gesetzgebung im Schnellverfahren beschlossen werden. Das DLT-Pilotregime regelt den Handel mit digitalen Wertpapieren und ist damit obligatorisch für die Zukunft der Tokenisierung in Europa. So sollen unter anderem die Volumenobergrenzen rauf von sechs auf 100 bis 150 Milliarden Euro, Beschränkung auf einzelne Asset-Klassen weg, Sechs-Jahres-Befristung der Lizenzen weg. Und das sofort, nicht irgendwann einmal, wenn längst Fakten von anderen Rechtsräumen geschaffen wurden.
Digitale Wertpapiere in Deutschland: Wir waren mal führend
Deutschland hatte mit dem elektronischen Wertpapiergesetz (eWpG) im Jahr 2021 früh vorgelegt. Lange bevor in den USA das Thema digitale Wertpapiere auf die Agenda gekommen ist. Ein eigenes Kryptowertpapierregister, klare Rechtsverhältnisse, ein kumuliertes Emissionsvolumen von 1,23 Milliarden Euro bis Ende 2025 laut Deka Digital Asset Monitor. 21X hat die erste BaFin-Lizenz für eine DLT MTF und DLT TSS in der EU erhalten, darf also Börsenhandel für blockchainbasierte Wertpapiere anbieten. Das Eurosystem akzeptiert seit März 2026 erstmals DLT-emittierte Assets als Sicherheiten.
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Vieles wurde richtig gemacht. Und trotzdem droht der Vorsprung zu verpuffen, weil das DLT-Pilotregime mit absurden Volumenkappen eine Skalierung verhindert. Sechs Milliarden Euro maximales Pilotvolumen, in einem europäischen Wertpapiersektor, der mehrere Billionen Euro schwer ist. So kann niemals ein liquider Markt entstehen.
Wertpapierstandards made in USA
Die USA hingegen denken in brauchbaren Größenordnungen. Atkins kündigt eine Sandbox-Regulierung mit mehrjährigem operativem Spielraum an, ohne sofortige Volllizenzpflicht. Tokenisierte Aktien laufen unter denselben Tickern und Wertpapierkennnummern (CUSIPs) wie klassisch verbriefte Wertpapiere. Unternehmen wie Nasdaq und Kraken bauen die Brücke vom traditionellen zum tokenisierten Kapitalmarkt. Sollte sich diese Tendenz fortsetzen, dann werden die zukünftigen Standards im Sekundärmarkthandel tokenisierter Wertpapiere aus den USA kommen.
Wer in dieser Lage einen Quick-Fix des DLT-Pilotregime als bloßen Lobbyismus abtut, hat nicht verstanden, worum es geht. Dass die Dezember-Vorschläge im breiteren MISP-Paket versacken, weil Rat und Parlament sich dort über hundert andere Punkte streiten werden, ist kein unvermeidliches Schicksal. Es ist eine politische Entscheidung. Und jede Woche Verzögerung kostet Marktanteile an Washington, Singapur und Abu Dhabi.
Letztlich geht es um die Frage, ob europäische Banken, Asset Manager und Marktinfrastrukturen den nächsten Zyklus der Kapitalmärkte aktiv mitgestalten oder als Lizenznehmer amerikanischer Standards überleben. Brüssel hat jetzt die Wahl.
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