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Kommentar
00:06 Uhr, 08.07.2026

„Die Perspektiven bleiben trotz Unsicherheit konstruktiv!“ – Interview mit Erik Haubold

Geopolitische Spannungen, Inflationssorgen und volatile Energiepreise prägen derzeit das Marktumfeld. Dennoch zeigen sich die internationalen Aktienmärkte erstaunlich robust und erreichen vielerorts neue Höchststände. Wie passt das zusammen?

Im Gespräch mit onemarkets erläutert Erik Haubold, Chief Investment Officer (CIO) von UniCredit in Deutschland, warum die Märkte den aktuellen Risiken bislang mehr oder weniger trotzen, welche Rolle Unternehmensgewinne spielen und worauf Anlegerinnen und Anleger jetzt besonders achten sollten.

onemarkets: Guten Tag, Herr Haubold, in den letzten Wochen hat der Iran-Krieg die Märkte in Bann gehalten. Inzwischen zeichnet sich hier eine Lösung ab. Nichtsdestotrotz waren bzw. sind die Belastungen für einige Volkswirtschaften groß. Welche Reaktion erwarten Sie von den großen Zentralbanken?

Erik Haubold: Die Krise im Nahen Osten wirkte asymmetrisch, da die einzelnen Länder unterschiedlich stark dem globalen Energiemarkt ausgesetzt waren. Die USA sind dank ihrer Rolle als Nettoexporteur von Energie weniger betroffen: Die inländische Förderung von Öl und Gas dämpfte die Auswirkungen des Schocks.

Europa befindet sich aufgrund seiner hohen Importabhängigkeit in einer deutlich verwundbareren Lage. Die Europäische Zentralbank sieht sich mit einem stagflationären Umfeld konfrontiert – einer sich von ohnehin niedrigen Niveaus weiter abschwächenden Konjunktur bei zugleich wieder anziehender Inflation deutlich über dem Zielwert von 2 Prozent. Ihr Mandat der Preisstabilität spricht für eine Straffung der Geldpolitik. Nach der Zinserhöhung um 25 Basispunkte am 11. Juni erwarten wir einen weiteren Schritt im September, sodass der Leitzins auf 2,50 Prozent steigen könnte.

Kevin Warsh, der neue Vorsitzende der Fed, steht hingegen einer robusten Konjunktur und einer bereits auf über 4 Prozent gestiegenen Inflation gegenüber. Zinssenkungen in den kommenden Monaten sind daher unwahrscheinlich, auch wenn wir weiterhin mit einer Lockerung gegen Jahresende rechnen.

onemarkets: Was bereitet Ihnen im aktuellen Umfeld größere Sorgen: die Inflation oder die Konjunkturentwicklung?

Erik Haubold, Chief Investment Officer (CIO) von UniCredit in Deutschland

Haubold: Wir erwarten derzeit keine Rezession. Auf beiden Seiten des Atlantiks sind die Bilanzen von Haushalten und Unternehmen insgesamt solide, und die Fiskalpolitik unterstützt weiterhin maßgeblich die wirtschaftliche Aktivität. Inflation bleibt zwar ein Risikofaktor, doch ein Schock wie in den Jahren 2022/23 ist derzeit nicht absehbar.

Entsprechend sollten mögliche Zinserhöhungen weder die Realwirtschaft noch die Finanzmärkte erheblich belasten. Vor diesem Hintergrund haben wir unsere Asset-Allokation seit Beginn des Konflikts im Iran weitgehend unverändert belassen – ein Zeichen dafür, dass die globalen Perspektiven trotz erhöhter Unsicherheit insgesamt konstruktiv bleiben.

onemarkets: Die Aktienmärkte haben trotz aller Unsicherheiten weiter zugelegt. Wie erklären Sie sich das und was ist zu erwarten?

Haubold: Während geopolitische Spannungen und Energieschocks den kurzfristigen Konjunkturverlauf belasteten, zeigten sich die Aktienmärkte bemerkenswert resilient. Diese scheinbare Diskrepanz beruhte auf zwei Faktoren: Zum einen waren Investorinnen und Investoren offenbar überzeugt, dass der Konflikt im Iran nur vorübergehender Natur ist. Zum anderen weisen sowohl die jüngst veröffentlichten als auch die erwarteten Unternehmensgewinne eine solide und wachsende Dynamik auf. Das bedeutet nicht, dass der Kursverlauf geradlinig bleibt – kurzfristige Korrekturen sind möglich, dürften jedoch eher durch mikroökonomische als durch makroökonomische Faktoren ausgelöst werden.

onemarkets: Auch die Gewinne europäischer Unternehmen haben sich gut entwickelt. Wie steht es um Risiken und Ausblick bei europäischen Aktien?

Haubold: Europäische börsennotierte Unternehmen erzielen einen erheblichen Teil ihrer Umsätze außerhalb ihrer Heimatmärkte und zeigen daher eine gewisse Robustheit. Zudem dominieren in den Indizes Finanzwerte, die derzeit weniger stark von Turbulenzen auf den Energiemärkten betroffen sind als andere Branchen. Dennoch bleibt Europa die fragilste Region und am anfälligsten für negative Überraschungen im makroökonomischen und geopolitischen Umfeld.

onemarkets: In den USA wird das Gewinnwachstum vom Technologiesektor getragen. Handelt es sich um einen neuen Zyklus? Wie ist Ihr Ausblick für die USA?

Haubold: Die Investitionen großer US-Technologieunternehmen wirken als Wachstumstreiber für andere Sektoren – insbesondere Industrie, Versorger und Energie. Diese stellen die physische Infrastruktur bereit, die den nächsten Technologiesprung ermöglicht.

Zudem erzeugt der Ausbau der Infrastruktur für künstliche Intelligenz eine beispiellose Nachfrage nach Rechenleistung und Speicherkapazitäten, während das Angebot kurzfristig begrenzt und auf wenige Anbieter konzentriert ist. Es handelt sich um einen strukturell positiven Trend, wenngleich mit zunehmendem Angebot mittelfristig auch eine höhere Volatilität möglich ist.
In den kommenden Jahren dürften die dominierenden Positionen einiger Mega-Caps zwar stärker unter Wettbewerbsdruck geraten und neue, ambitionierte Konkurrenten in Erscheinung treten. Das kann sich auf einzelne Bewertungen auswirken, ändert jedoch nichts an unserer Einschätzung einer Wirtschaft in einem grundlegenden Transformationsprozess. US-Aktien bleiben daher ein zentraler Bestandteil unserer globalen Aktienallokation.

onemarkets: Und die Aktienmärkte der Schwellenländer?

Haubold: Wir halten an unserer positiven Einschätzung von Schwellenländeraktien fest und setzen auf breit diversifizierte Lösungen, um die Vorteile möglichst umfassend zu nutzen. So profitieren wir von der technologiegetriebenen Dynamik in Märkten wie Korea und Taiwan, während wir zugleich Engagements in Volkswirtschaften wie Brasilien aufbauen, die in Phasen von Rohstoffmarktturbulenzen widerstandsfähiger sind.

Die Bewertungen liegen weiterhin unter denen der Industrieländer, was im Falle von Marktkorrekturen unterstützend wirken dürfte. Zudem beinhalten Investitionen in diese Märkte auch Engagements in den jeweiligen Währungen, die im Kontext langfristiger Trends wie Deglobalisierung und Dedollarisierung Aufwertungspotenzial besitzen.

onemarkets: Wie beurteilen Sie die Anleihemärkte? Wie sollte man sich zwischen Investmentgrade und High Yield positionieren?

Haubold: Im Gegensatz zu Aktienmärkten sind Anleihemärkte eng an makroökonomische Entwicklungen gebunden. In einem Umfeld steigender Inflation reagieren Zentralbanken mit Zinserhöhungen, um Preisstabilität zu sichern und ihre Glaubwürdigkeit zu wahren.

Chancen sehen wir derzeit im kurzen bis mittleren Laufzeitenbereich der Euro-Zinskurve, da der Markt bereits drei Zinsschritte der EZB einpreist, während wir zwei (Juni und September) für ausreichend halten. Bei langfristigen US-Staatsanleihen raten wir angesichts höherer Inflation und einer expansiven Fiskalpolitik weiterhin zur Vorsicht. Das High-Yield-Segment korreliert stark mit Aktienmärkten, weshalb wir weiterhin auf höhere Qualität setzen. Unternehmensanleihen mit Investmentgrade-Rating bilden daher den Kern unserer Fixed-Income-Portfolios.

onemarkets: Herr Haubold, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

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