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EZB-Rat sah im Oktober weiter verschlechterten Inflationsausblick

Von Hans Bentzien

FRANKFURT (Dow Jones) - Im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hat bei den Beratungen am 26./27. Oktober die Einschätzung überwogen, dass sich der Inflationsausblick weiter verschlechtert hat. Wie aus dem jetzt veröffentlichten Protokoll der Beratungen hervorgeht, waren die Ratsmitglieder vor der abermaligen negativen Inflationsüberraschung im Oktober der Ansicht, dass die Inflation viel zu hoch sei und wiederholt oberhalb der Prognosen gelegen habe. "Außerdem ist der Inflationsdruck breiter geworden, wobei sich die Kerninflation und andere Messgrößen des unterliegenden Preisdrucks im Aufwärtstrend befinden", heißt es in dem Dokument.

Die EZB hatte am 27. Oktober beschlossen, ihre Leitzinsen zum zweiten Mal in Folge um 75 Basispunkte zu erhöhen, was den derzeit maßgeblichen Satz für Bankeinlagen auf 1,50 Prozent brachte. Zudem wurden die Verzinsung der Mindestreserven reduziert und höhere Zinsen für Liquidität aus den TLTRO-Tendern verhängt. Im Dezember will die EZB Leitlinien für den Abbau ihrer unter dem APP-Programm erworbenen Anleihen beschließen. Unterdessen wurde ein Beginn des Bilanzabbaus für das erste Quartal in Aussicht gestellt.

Kurze Zeit später veröffentlichte Eurostat Verbraucherpreisdaten für Oktober, die einen unerwartet deutlichen Anstieg der Inflationsrate von 9,9 auf 10,7 (Prognose: 10,0) Prozent zeigten. Preisdaten für November werden am 30. November veröffentlicht, zwei Wochen vor der EZB-Ratssitzung am 14./15. Dezember. Agenturberichten zufolge gibt es im EZB-Rat inzwischen weniger Unterstützung für eine abermalige Zinserhöhung um 75 Basispunkte. Grund ist, dass die EZB ihre Zinsen seit dem Sommer um 200 Basispunkte angehoben hat. Dies war allerdings auch das Ergebnis durchgängiger "Inflationsüberraschungen".

Der EZB-Rat sah im September auf Basis der bis dahin bekannt gewordenen Überraschungen das Risiko, dass sich die Inflationserwartungen im Euroraum dauerhaft aus ihrer Verankerung lösen könnten. Die meisten EZB-Ratsmitglieder waren zudem der Meinung, dass die zu erwartende wirtschaftliche Abschwächung nicht ausreichen werde, um die Inflation ausreichend zu bremsen und auf den Zielwert von 2 Prozent zu senken.

"Es wurde argumentiert, dass der EZB-Rat im Falle einer flachen Rezession die Normalisierung und Straffung der Geldpolitik fortsetzen sollte, während er im Falle einer längeren und tiefen Rezession, die die Inflation wahrscheinlich stärker dämpfen würde, eine Pause einlegen sollte", heißt es weiter. In diesem Zusammenhang wurde auch auf die Divergenz zwischen der Geldpolitik, die die akkommodierenden Maßnahmen abbaue, und der Finanzpolitik, die expansiver werde, hingewiesen.

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